Als PC-Spieler ist man in diesen Zeiten ja froh, wenn wenigstens ab und an ein Konsolenknaller umgesetzt wird. Das mag vielleicht erklären, warum ich mich so sehr auf „Mass Effect“ gefreut habe. Entwickler Bioware hat schon mit „Baldur´s Gate“ oder „Knights of the Old Republic“, kurz KotOR, bewiesen, dass sich alle anderen RPG-Entwickler an ihnen messen müssen. Eine riesige Spielwelt, eine spannende Story und viel Platz zum Erforschen wurde versprochen und vielleicht bin ich deswegen nach soviel Vorschusslorbeeren auch etwas enttäuscht.
James Bond im All

Anno 2183. Gerade sind die Menschen in die außerirdische Allianz aufgenommen worden, als großes Unheil droht. Saren, ein Top-Agent von „Spectre“, der Elite-Einheit der Allianz, spielt falsch. Er hat sich mit den Reapern, mächtigen Maschinenwesen aus einer fernen Galaxis, verbündet und will alle Völker vernichten. Der Spieler übernimmt nun die Rolle von John Shepard, dem ersten menschlichen „Spectre“, und macht sich mit seinem Raumschiff „Normandy“ auf die Jagd nach dem abtrünnigen Saren. Auf seiner Reise durch die Galaxis trifft er auf neue Verbündete und entdeckt das Geheimnis eines alten, längst untergegangenen Volkes, den Protheanern. „Mass Effect“ ist der erste Teil einer geplanten Trilogie, aber keine Angst, die Handlung des Spiels ist in sich abgeschlossen. Der Autor war übrigens Drew Karpyshyn, der bereits an „Baldur´s Gate“ und „KotOR“ beteiligt war. Er hat auch die beiden Bücher zu „Mass Effect“ geschrieben, welche die Hintergrundgeschichte erzählen. Schade, dass trotz des riesigen Universums nur eine relativ simple Space Opera über eine Invasion aus dem All herausgekommen ist. Ein bisschen James Bond, ein bisschen Indiana Jones und viel Spektakel – spannend, aber viel zu kurz und mit der inhaltlichen Tiefe eines B-Pictures aus den 60ern.
Rollenspiel trifft Shooter

Das Spiel selbst präsentiert sich als ein gelungener Mix aus Rollenspiel und Taktik-Shootern wie „GRAW“. Fans dürften diese Mischung schon aus „KOTOR“ kennen, soweit also nichts Neues. Statt Schwertern kämpft ihr mit Schrotflinten, Pistolen oder Sturmgewehren und statt Magiern zieht ihr mit Soldaten oder Technikern in den Kampf. Insgesamt gibt es sechs unterschiedliche Klassen wie den Infiltrator, einen technikversierten Kämpfer, der seine Feinde als Sniper ausschaltet und Computercodes knackt. Eure Rüstungen und Waffen könnt ihr zudem mit Upgrades wie bessere Munition ausrüsten. Euer Squad besteht dabei aus maximal drei Personen, die sich mit der Zeit eurem Agenten anschließen. So könnt ihr am Ende zwischen außerirdischen Technikexperten, Agenten oder schlagkräftigen Soldaten wählen. Pro Stufenaufstieg könnt ihr sogenannte Talentpunkte entweder selbst auf Fähigkeiten wie „Elektronik“ oder „Einschmeicheln“ verteilen oder es dem Computer überlassen. Letzteres empfiehlt sich vor allem für eure Squadmitglieder.
Den Kampf an sich könnt ihr in Echtzeit austragen oder das Spiel kurz mit der Leertaste einfrieren, um Kommandos an euer Team zu geben. Im Prinzip eine gute Idee, die aber nur auf höheren Schwierigkeitsgraden Sinn macht, denn euer Team reagiert meist gut und kommt ohne eure Hilfe aus.
Kurz und knackig
Die Missionen gliedern sich in zwei Bereiche. Verfolgt ihr die Story, zieht ihr durch fünf Spielabschnitte und habt Saren schon nach gut 15 Stunden zur Strecke gebracht. Für ein Rollenspiel ist das relativ kurz, aber spannend inszeniert. Ihr müsst einen Außenposten vor Saren beschützen, unterstützt eine Sturmtruppe bei dem Angriff auf eine feindliche Basis oder kämpft euch über die Außenhülle einer zerstörten Weltraumstation. Daneben entscheidet ihr in zwei Situationen über Leben und Tod eurer Mitstreiter und knackt in kleinen Logikrätseln oder einem „Frogger“(!) -ähnlichen Minispiel Computercodes.
Lasst ihr euch aber auf die Nebenmissionen ein, zieht sich das Spiel erheblich in die Länge. Das liegt zum einen am langweiligen Missionsdesign. Auf dem Papier stehen da eine riesige Anzahl an Planeten und zahlreiche Figuren mit einer Hintergrundgeschichte. Tatsächlich erkundet ihr nur mit eurem sogenannten Mako, einem ziemlich robusten Kampffahrzeug, monotone, gebirgige Planetenoberflächen. Die Infiltration einer Basis ist dann meist ebenso eintönig – reingehen, durch eine Art Lagerhaus ballern und das war´s. Das führt aber zu einem viel größeren Problem, denn wenn ihr nur einen Bruchteil dieser Missionen erfüllt, seid ihr in den Storymissionen nahezu unbesiegbar und könnt euch vor Waffen und Upgrades kaum retten. Ein großes Balancing-Problem, das erst in höheren Schwierigkeitsgraden entschärft wird.
Reden ist Gold
Neben dem Kampf dominieren vor allem lange Dialogpassagen. Typisch Bioware werden sich jetzt einige sagen, aber die Macher haben sich etwas Neues einfallen lassen. Statt nämlich einfach nur eine Antwort zu geben, wählt ihr eine Reaktion aus und antwortet entweder verständnisvoll oder aggressiv. Das hat auch Auswirkungen auf den Fortlauf der Handlung, denn wenn ihr eure Figur im Talent „Einschmeicheln“ oder „Einschüchtern“ genügend ausgebildet habt, bekommt ihr neue Antwort-Optionen. So gelingt es euch zum Beispiel, einen Endgegner zum Selbstmord zu zwingen. Schade, dass es dennoch viel Leerlauf gibt und einige Dialoge die Handlung eher in die Länge ziehen und so den ein oder anderen Action-Fan vergraulen werden.
Fazit
Keine Frage – „Mass Effect“ ist eine hervorragende PC-Umsetzung des Konsolenspiels und ihr werdet kaum Unterschiede feststellen können. Dennoch bin ich etwas kritischer als Matthias in seinem
Xbox 360-Test. Das liegt vor allem daran, dass „Mass Effect“ an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, denn die Macher versprechen viel und können es nicht halten. Das liegt vor allem an der riesigen Spielwelt, die mir zahlreiche Möglichkeiten vorgaukelt, am Ende aber nur eine lineare Story und eintönige Planeten bietet. Ein großer Kritikpunkt ist auch das schlechte Balancing, durch das mein Abenteuer schnell viel zu leicht wird. Es ist fast schon lächerlich, wenn ich Saren am Ende mit meiner Pistole besiege! Unverständlich bleibt teilweise auch die Hintergrundgeschichte meines Helden. Warum wird er beispielsweise als traumatisierter Soldat eingeführt, wenn er sich doch sofort als cooler Held entpuppt? Das alles hat natürlich auch Auswirkungen auf die Story. Ein riesiges Spieleuniversum, zahlreiche Figuren und dann noch nur eine simple Marines-gegen-Aliens-Story? Versteht mich nicht falsch – das Ganze ist spannend inszeniert, aber es kann in Sachen Präsentation kaum mit „CoD 4“ mithalten und es fehlt die geniale Storywendung eines „Bioshock“. In „Mass Effect“ läuft alles sehr linear und solide ab. Lasst euch auch nicht von den vereinzelten „Schicksalsfragen“ täuschen, denn die haben nur wenig Auswirkung auf die Handlung. Wieder einmal werden mir mehr Möglichkeiten versprochen, als tatsächlich vorhanden sind. Quantität bedeutet nicht gleich Qualität.
Aber noch mal – „Mass Effect“ ist beileibe kein schlechtes Spiel. Eine spannende Story, sehr gute Grafik und ein solider Mix aus Action-RPG und Taktik-Shooter machen das Spiel zu einem Pflichtkauf für PC-Spieler. Das ist für mich aber zu wenig für eine 90% Wertung. Bei diesem Hintergrundszenario und dem Können der Entwickler hatte ich mehr erhofft. Ich wollte eine epische Geschichte mit „lebendigen“ Figuren und großer Entscheidungsfreiheit. Das ist es leider nicht geworden. Wer hätte das aber eher geschafft als Bioware?