Irgendwo zwischen Criminal Minds und X-Files
Ein Anruf genügt und schon steckt Lara wieder mitten in irgendwelchen Ermittlungen.
Memento Mori 2… Memento Mori 2… hm… habe ich davon überhaupt den ersten Teil gespielt? Ich schau mal nach, wartet kurz… ah, ja… äh, nein… habe ich nicht. Entschuldigt mein Gedächtnis, doch so langsam verliere ich die Übersicht bei Point’n’Click-Adventures dieser Art. Damit meine ich die Mischung aus weiblichem und männlichem Spielcharakter, ganz vielen blutigen Morden, groß angelegten Ermittlungen sowie dem Hang zum Übernatürlichen.
Der Reihe nach: Max ist Experte für Kunstgeschichte und Lara arbeitet als Ermittlerin in der extra für sie frisch gegründeten Abteilung für Kunstdiebstahl und –fälschung. Die beiden verbringen gerade ihre Hochzeitsreise irgendwo in Kapstadt, Südafrika, da bekommt Lara einen Anruf von ihrer ehemaligen Vorgesetzten Renier. Die Gute bittet darum, vor Ort den Vorfall eines Kunstraubes zu untersuchen – trotz des wohl verdienten Urlaubsvergnügens des frisch vermählten Pärchens. Kein Problem, denkt sich die rothaarige Protagonistin, und gestattet sogleich ihrem Ehemann, die Ermittlungen zu leiten. Na, ob das so eine gute Idee ist? Der Kerl hat schließlich seit eh und je bedrohliche Visionen sowie recht blutige Tagträume, die er mit seiner Malerei plus diversen Medikamenten zu behandeln versucht.
Egal: Fluchs fahrt ihr mit Max zum Tatort, genauer gesagt einer Galerie, sammelt dort Spuren, regt euch über die schlampige Polizeiarbeit auf und findet am Ende gar einen Verdächtigen. Cut, Szenenwechsel, etwas später: Lara fährt eine Straße entlang und sichtet eine Unfallstelle. Sie wird Zeuge, wie ein geschrottetes Fahrzeug aus dem Meer gefischt wird – und zwar nicht irgendeins, sondern genau das von Max. Der wiederum ist spurlos verschwunden…die Polizei geht davon aus, dass er ertrunken sei.
Lara will das natürlich nicht wahr haben: Sie kehrt zurück nach Frankreich und wird mit einem neuen Fall betraut, bei dem irgendein Größenwahnsinniger mehrere Menschen umgebracht und mit deren Blut einen auf Leonardo da Vinci gemacht haben soll – zumindest kleben nun im Kellergewölbe einer Kirche ein paar fette Engel in dunkelroten Farben an der Wand. Gleichzeitig findet Lara bei ihren Ermittlungen mehrere Hinweise, die auf eine Verbindung zwischen Max und dem vermeintlichen Täter schließen lassen…
Die nüchternen Fakten stimmen…
Max Unfall versaut nicht nur die Flitterwochen...
Das mag hart klingen, aber meine Zusammenfassung liest sich spannender als es das eigentliche Spiel ist. Memento Mori 2 erzählt eine Geschichte in sieben Akten, die teilweise richtig lang ausgefallen sind. Speziell das erste, worin ihr vornehmlich Max bis zu seinem fatalen Unfall steuert, zieht und zieht und zieht sich ewig in die Länge. Sobald ihr die Rolle von Lara übernehmt, baut sich immerhin ein gewisser Spannungsbogen auf. Denn tatsächlich wollte ich wissen, wie das Drama hier ausgeht – und musste mich trotzdem mehrfach zusammenreisen, überhaupt weiter zu spielen.
Nein, es lag nicht an irgendeiner verkorksten Steuerung oder an irgendwelchen überzogen langen Dialogen. Allenfalls die Ladezeiten können etwas auf die Nerven gehen, wenn man mal fest hängt und planlos zwischen den verfügbaren Orten reist. Auch darüber hinaus macht Memento Mori 2 eigentlich sehr viel richtig, speziell was das Äußere anbelangt. Die meisten Räume werden zwar klassisch von der Seite beziehungsweise leicht schräg dargestellt, bestehen jedoch aus hochwertig texturierten Polygonen. Das registriert ihr sogleich, wenn die Kamera mit dem Lauf von Max/Lara schwenkt. Spätestens bei den Zwischensequenzen merkt ihr, wie detailliert die Charaktere aussehen – zumindest für Adventure-Verhältnisse. Dazu kommt die hochprofessionelle sowie deutsche Sprachausgabe, wobei wir in der Hinsicht aber auch etwas verwöhnt sind.
Was ist es dann, was mich stört? Sind die Rätsel vielleicht unlogisch? Nur die wenigsten, würde ich sagen. Die Dinge, welche die Grenzen der Realität arg weit dehnen, sind zumindest nachvollziehbar. Sprich: Man kommt als Spieler darauf und vertraut selten auf ein schnödes Try-&-Error-Geklicke. Und das, obwohl die Benutzerführung recht komplexe Aktionen zulässt: So dürft ihr im Inventar sämtliche Gegenstände um die eigene Achse drehen und könnt an manchen Orten aus der Ego-Sicht um ein Objekt herum laufen.
…aber der Spaß am Rätseln stellt sich nicht ein
Hübsche Galerie, unattraktive Rätsel
Mein Problem mit Memento Mori 2 liegt woanders begraben: Es ist dröge. Ich habe irgendwann angefangen, mir Notizen zu machen. Genauer gesagt habe ich auffällige Rätsel in zwei Kategorien katalogisiert, nämlich in besonders spaßige und in besonders langweilige. Letztere haben unterm Strich mit einer bedrückenden Dominanz gewonnen.
Es gibt zwei Rätsel, die mir ganz gut gefallen haben – Stichwort “Fingerabdruck zusammensetzen“ und “Schatten korrekt ausrichten“. Als Gegengewicht haben mich dreimal so viele Puzzles aus verschiedenen Gründen aufgeregt. Sei es das langweilige, weil völlig abgedroschene Schieberätsel, die arg einfältige Rezeptionistin in der Galerie, die ihr aus völlig blöden Gründen sowie mit völlig banalen Mitteln bestechen müsst, oder ein bemerkenswert in die Lange gezogenes Rätsel rund um mehrere Tische, Zahlen und Regale. Bezüglich letzterem müsst ihr um zig Ecken denken sowie viel Aufwand betreiben, damit ihr unter gut einem Dutzend Regalen ein bestimmtes lokalisiert. Erst dann dürft ihr dieses verschieben und entdeckt eine zugesperrte Tür. Sorry, aber in der Realität hätte ich einfach mal an jedem Regal gerüttelt und so viel schneller das eigentliche Geheimnis ausfindig gemacht…
Zwei andere Rätsel hingegen sind arg fies geraten und bringen die ansonsten eigentlich sehr gute Schwierigkeitsgradbalance gehörig durcheinander (ich sage nur Folien und Beatrice). Gegen Ende werdet ihr noch einem kleinen Test unterzogen und müsst Fragen darüber beantworten, wie man Fresken korrekt restauriert. Die Antworten hierfür stehen allesamt in einem einzelnen Buch. Eure Aufgabe besteht einzig darin, dieses entweder auswendig zu lernen oder abzuschreiben. Das erinnert mich mehr an eine lästige Schulaufgabe als an ein spannendes Adventure.
Die Sache mit dem Papierstau
Vielleicht übertreib ich, schließlich ist es kein schweres Rätsel... aber es hat mich trotzdem aufgeregt!
Überhaupt fällt mir auf Anhieb kein anderes Spiel ein, bei dem ich so oft gedacht habe: “Och, nö, darauf hab ich keine Lust.“. Zur Erklärung für dieses Gefühl habe ich mir mein persönliches Lowlight zum Schluss aufgehoben: Wir alle mögen Drucker, weil man damit tolle Sachen ausdrucken kann, stimmt’s? Und was mögen wir nicht am Drucken? Richtig, wenn etwas nicht sofort so klappt, wie wir uns das wünschen. Weil doch ständig irgendetwas nicht richtig funktioniert oder Dinge kaputt gehen oder die Farbe vom Toner austrocknet oder es hakt oder es hängt oder… sich im Inneren des Gerätes das Papier staut! Und genau das passiert Lara (beziehungsweise euch) in Memento Mori 2: Ihr müsst einen Drucker aufgrund eines Papierstaus reparieren! Dafür kniet ihr euch regelrecht hin, entriegelt die Vorderseite, öffnen sie, entriegelt die Tonersicherung, entfernt den Toner, zieht das Papier heraus und steckt alles wieder zusammen, so wie es vorher war. Allein dieses Rätsel verdient den Preis “Doofste Realitätskopie in einem Computer- oder Videospiel 2012“.
Ansonsten fällt auf, dass es praktisch keine Dialogrätsel gibt, mit Ausnahme des bereits beschriebenen Tests (der nämlich mündlich ausfällt) und einer halbwegs clever in Szene gesetzten Besprechung mit Lara, Renier sowie weiteren Beamten. Darüber hinaus wird euch ab und an eine Entscheidung abverlangt, die zumindest ein ganz klein wenig die folgenden Gesprächsverläufe beeinflusst. Ebenfalls gut: Ihr könnt euch auf zwei sehr unterschiedliche Enden freuen, gleichwohl deren Wahl gerade mal von einer einzigen Frage abhängt und diese knapp eine Spielstunde vor Finale in Erscheinung tritt.