Seit Need for Speed Carbon auf Nintendos Fuchtelkonsole habe ich mir vorgenommen, keine Rennspiele der Machart mehr auf ihr zu spielen. Grund? Die doofe, sehr sensible oder zu träge Spielsteuerung via Wii-Fernbedienung. Dass ich jetzt zwei Jahre nach Erscheinen des Erstlings für die Wii doch noch einen Teil der Serie auf ihr zocke, hängt mit der großen Enttäuschung angesichts der miesen PlayStation 3-Version zusammen. Die leidet unter immensen Framerate-Einbrüchen, dadurch automatisch schlechter Steuerung, uninspirierter Welt, schlechten Fahrzeugmodellen und zwei Handvoll anderer Probleme, die ich jetzt nicht erläutern mag, aber jedem offen stehen in der PlayStation 3-Review.
Gemeinsamkeiten
Im Kern handelt es sich um zwei identische Spiele. Die Story kommt auf die gleiche Art und Weise daher wie die der Klavierlack-Konsole: Ihr seid ein Cop, ein Undercover-Cop! Und werdet in eine Autoschieber-Bande eingeschleust, um sie hochnehmen zu lassen. Um nicht aufzufliegen, müsst ihr Rennen für sie absolvieren und auch alle naselang vor den Cops fliehen. So viel dazu. Kommt bekannt vor? Stimmt, die gab es in dieser Form in Filmen wie The Fast & The Furios oder Die Autobahnraser. Ob sie einem nun zusagt, ist vom Geschmack abhängig, doch durch besonders einfallsreiche Regie oder Kreativität überzeugt sie zu keinem Punkt. Das Spielziel, die Bande auffliegen zu lassen, ist den beiden Versionen ebenso gemein. Und selbstredend die Karren und die Spielewelt. Das war es dann aber auch schon.
Unterschiede
Denn der Spieleinstieg zeigt sich ein wenig anders und keineswegs so melodramatisch wie der der PS3-Version. Statt einer unlogischen, hirnrissigen und gänzlich überflüssigen Verfolgungsjagd auf dem Highway startet ihr gemächlich in Harbor City und erkundet erst einmal das Areal. Von Anfang an steht euch die gesamte Stadt offen, die aber auch nicht sonderlich groß, geschweige denn abwechslungsreich ist. Zumal es Entwickler Blackbox fertig gebracht hat, große Stücke der Most Wanted-Welt 1:1 (!) in Undercover zu übertragen, was für reichlich Verwirrung sorgt. Daneben ist die Stadt merkwürdig steril und leblos, Passanten wie in Midnight Club Los Angeles findet ihr hier nicht, mit Ausnahme der Cops, die in einer Zwischensequenz nach erfolgreicher Jagd auf euch kurz eingeblendet werden.
Überall in der Metropole sind kleine Embleme verstreut, die euch auf Knopfdruck gegen Konkurrenten antreten lassen. Spielarten der Rennen sind vielfältig: Neben den üblichen Rundkurs-, Checkpoint-, oder Zeitrennen machen vor allen Dingen die Kuriermissionen Gaudi – fordern aber keineswegs das gesamte fahrerische Können des Spielers ab. Das ehemals beste Prunkstück, die Cop-Verfolgungen, verkommt zu einer Art Nebenauftag, der mehr lästig als herausfordernd ist. Statt bahnbrechender KI der Gegner wird die kümmerliche Intelligenz durch die Masse an Kontrahenten wett gemacht. Trotz vieler Karren mit Blaulicht reicht es meist schon aus, ein bestimmtes Objekt in der Spielwelt, welches euch auf der Karte angezeigt wird, zu zerstören und ihr seid alle Verfolger los. Bestenfalls erwischt euch noch eine weitere Polizei-Streife, die ihr dann aber locker durchfahren könnt – ohne Widerstand! Ja, ein großer Bug und sicherlich schmerzhaft, aber dass es schlimmer geht, zeigt die PlayStation 3-Fassung.
Technik-Welten

Die PS3-Ausgabe von Undercover war sehr detailarm und mit einer teilweise bis zur Unspielbarkeit kastrierten Bildwiederholungsrate mehr als enttäuschend. Die Wii-Version kann an ganz große Titel der Next-Gen-Plattformen nicht herankommen, das war auch im Vorfeld klar. Doch sie überzeugt mit netten Texturen, schönen Spiegelungen, akkuraten Fahrzeugmodellen und – ganz wichtig – einer stets butterweichen 60Hz-Wiedergabe! Was so eine konstante Framerate alles ausmacht, lässt sich anhand dieser Version belegen, denn plötzlich beginnt das doch reichlich uninspirierte Spiel Laune zu machen! Auf einmal seid ihr nicht nur in der Lage, präzise zu steuern, sondern auch die Weitsicht zu genießen und auf unerwartete Situationen angemessen zu reagieren. Wer also mit etwas schlechteren Texturen und weniger Konkurrenten auf der Strecke (es sind insgesamt vier Wagen) leben kann, wird mehr Spaß haben. Manchmal ist weniger doch mehr. Vereinzelt kommt es zu PopUps von Straßenautos oder Häusern, die bei weitem nicht heftig und störend auffallen wie auf der Sony-Plattform. Orientiert hat man sich leider Gottes auch am Tuning-System der anderen Versionen. So habt ihr von Anfang an Zugriff auf sämtliche Teile – einen Anreiz, das Spiel aufgrund besserer Komponenten weiter zu spielen, gibt es also nicht. Daneben kann man sich von Anfang denken, wie die Story weitergeht, sodass es auch hier kaum Motivation gibt. Der Fuhrpark mit weit über 70 Fahrzeugen überzeugt jeden Autoliebhaber. Von klassischen Tuning-Schleudern wie dem Nissan 240SX über alt bekannte Wagen der Marke Lotus Elise oder Lamborghini Gallardo bis hin zur digitalen Weltpremiere des Nissan 370Z ist viel vertreten, was das Autoherz höher schlagen lässt.
Schraubt ihr an eurem Wagen herum, könnt ihr von der Frontschütze über Dachspoiler bis hin zur Reifenwahl optisch einiges beeinflussen, auch die große Palette an Lacken und Vinyl-Folien in vielfältigsten Designs erfreut das Mechanikerherz. Gewohnt spartanisch fällt der Leistungsoptimierungsbereich aus, der meist nur wenig Einstellungsmöglichkeiten ermöglicht. Durch Autosculpt, mit dem ihr die Möglichkeit habt, jedes Teil individuell zu formen, ist die Schwelle zwischen „krass“ und „potthässlich“ schnell überschritten.
Und immer weiter, immer schneller

Auch wenn sich der Drang, vorwärts zu kommen, in Grenzen hält, punktet die Wii-Variante mit einem guten Geschwindigkeitsgefühl, das die fast schon dämlichen Gegner im Rennen vergessen lässt. Manchmal nehmen die alles an Verkehr mit, was über den Highway fährt, oder manövrieren sich häufig direkt in die Leitplanke, um dort zu verharren. Dass sich die Wii-Variante auch spielerisch absetzen kann, liegt paradoxerweise am 4-Spieler-Offline-Modus, der es erlaubt, zu viert Rennen zu bestreiten. Die laufen flüssig, machen Spaß und ermöglichen es, jedwedes Zubehör der Fuchtelkonsole einzusetzen. Ob nun Wii-Fernbedienung, Wii-FB plus Nunchuk-Erweiterung. Nintendo-Lenkrad, Trustmaster-Steeringwheel, Classic Pad oder das betagte GameCube-Pad - ihr habt jederzeit die volle Kontrolle, wobei die Steuerung mit dem Eingabegerät des Spielewürfels von 2002 am direktesten reagierte und dank der analogen Schultertasten Gasgeben und Bremsen enorm vereinfacht. Wie ihr bemerkt, ist es vor allen Dingen die Technik und Spielbarkeit, die die Nintendo-Disc vom Rest abhebt. Blackbox hat es geschafft, mit geringen Abstrichen zum Möglichen auf den anderen Konsolen eine sehr gute Version des Racers zu produzieren, die zwar keine Innovation ist, aber gepflegte Unterhaltung, deren Singleplayer mit etwa sechs Stunden etwas zu knapp ausfällt.
Fazit
Wer hätte gedacht, dass die Wii-Version dieses Jahr die stärkste Version auf den Konsolen wird? Ich nicht, trotz der Tatsache, dass ich ein großer Fan von Nintendos Fuchtelkonsole bin. Die gute Steuerung, die exzellente Framerate und der Multiplayer-Gaudi lassen den halbgaren Tuning-Part und die teils fragwürdige Fahrphysik fast vergessen. Need for Speed Undercover ist weit davon entfernt, als bester Teil der Serie in die Videospielgeschichte einzugehen, ist aber im Kern ein grundsolides Spiel mit Kurzweil und einem spaßigen Offline-Multiplayer. Fans sollten zu dieser Version greifen, alle anderen sich nach Alternativen umschauen.