
Spiele in ein bestimmtes Genre zuzuordnen wird zunehmend schwerer. Die Zeiten, in denen man Ego-Shooter und Rollenspiel problemlos voneinander trennen konnte, sind schon lange vorbei. id Softwares neuester Shooter “Rage“ fällt ebenfalls in die Kategorie der RPG-Shooter-Hybriden. Durch die extrem auffälligen Gemeinsamkeiten mit “Fallout 3“ und “Borderlands“ müssen die Entwickler um John Carmack jedoch darauf achten, dass “Rage“ das Wichtigste nicht abhanden kommt: die eigene Identität.
10 Wege zur Endzeit - heute: Meteorit
Mal wieder ist die Menschheit nach der Apokalypse nahezu vernichtet. In “Rage“ war es ein Meteorit, der dem Treiben ein Ende setzte. Glücklicherweise wurden vorher im sogenannten EDEN-Projekt einige Menschen durch unterirdische Kryokammern eingefroren und im Boden versenkt, nur um pünktlich nach der Katastrophe wieder aus dem Boden geschossen zu werden. Wenig überraschend seid ihr einer dieser Glücklichen - jedoch habt ihr euch leider etwas verspätet und müsst euch erstmal einen Platz an der Oberfläche erkämpfen. Nicht gerade hilfreich dabei ist das bezeichnenderweise „Authority“ genannte Regime, dass mit eiserner Hand regiert und gerade Neuankömmlingen nicht gerade wohl gesonnen ist.
Das macht man euch auch bei eurem ersten Besuch in der Stadt „Wellspring“ klar: Die aus Überresten zusammengezimmerte Ortschaft ist einer der wenigen Plätze auf der Welt, in der die Menschen einem geregelten Tagesablauf nachgehen. Somit habt auch ihr hier die Möglichkeit, die wenigen Rollenspiel-Elemente von “Rage“ näher zu erörtern. Händler bieten euch neue Waffen und andere Ausrüstungsgegenstände an, hingegen allerelei Figuren euch um eure Hilfe in verschiedenen Nebenaufträgen bitten. Ansonsten hält sich id Software bei den Rollenspielanleihen zurück – Fertigkeitenbäume oder ein Levelsystem werdet ihr nicht finden. “Rage“ ist im Kern ein Shooter, mehr noch, als es „Fallout 3“ oder „Borderlands“ waren.
Un(t)ergründlich
Es dauert nicht lange, da werdet ihr von einem der „Wellspring“-Bewohner auf ein Problem aufmerksam gemacht. Banditen versuchen die Siedlung lahmzulegen, indem sie den Brunnen der Stadt vergiften. In “Rage“ haben sich nun die Verbrecher in verschiedene Gruppieren aufgeteilt – weshalb ihr es in den Tiefen des Tunnelsystems von „Wellspring“ mit der Ghost-Gruppierung zu tun bekommt. Deren Mannen zeichnen sich durch ihre schnellen Bewegungen und Nahkampfwaffen aus. Um das dröge Shooter-Dasein ein wenig aufzulockern, stehen euch dutzende Gadgets und Munitionsarten zur Verfügung, mit denen ihr die Umgebung zu eurem Vorteil nutzen könnt. Uns kommt es beispielsweise sehr gelegen, dass zwei Banditen gerade in einer Pfütze stehen und damit leichte Beute für den elektronischen aufgeladenen Bolzen unserer Armbrust sind.
Das ist natürlich eine sehr simple Kombination, die man spätestens seit “Bioshock“ schon zu Genüge gesehen hat – kompliziertere gab es aber zumindest während unserer Präsentation nicht mehr. Etwas Eigeninitiative erfordern derweil verschiedene Gerätschaften, die ihr mithilfe von gefundenen oder von Händlern gekauften Einzelteilen sowie Konstruktionszeichnungen baut. So bastelt ihr euch im Nu einen kleinen Geschützturm oder – ganz im Zeichen von “Call Of Duty: Black Ops“ - ein kleines mit Sprengstoff beladenes Auto. Dies bleibt übrigens nicht das einzige Mal, dass ihr Fahrzeuge in “Rage“ zu Gesicht bekommt. Ganz im Gegenteil sind Gefechte mit bewaffneten Autos sogar eines der Hauptbestandteile des Spiels. Zwar sehen diese schon jetzt wesentlich spannender und schneller aus als jene in “Borderlands“ - neu ist die Idee aber auch nicht.
Über die Geschichte von „Rage“ kann bisher nur spekuliert werden. Was für eine Motivation die verschiedenen Gruppierungen haben, wieso die „Authority“ so schlecht drauf oder was euer übergeordnetes Ziel ist, darüber hält id Software noch absolutes Stillschweigen. Gerade dies könnte jedoch darüber entscheiden, wie fesselnd ihr neues Werk wird, wenn es im September 2011 erscheint.
Ausblick
Selten ist es mir so schwer gefallen, mich auf eine Meinung festzulegen. Einerseits ist “Rage“ äußerst vielversprechend. Technisch überzeugt es, wie von id Software gewohnt, auf ganzer Linie und ist anscheinend eines der ganz wenigen Spiele, die auch auf PS3 und Xbox 360 zu jeder Zeit mit 60 Bildern pro Sekunde laufen. Den Wow-Effekt, den etwa ein “Doom 3“ vor 6 Jahren erzeugte, kann “Rage“ aber nicht wiederholen. Dafür ist der grafische Sprung zu Konkurrenztiteln wie “Crysis 2“, die wahrscheinlich viele Monate früher erscheinen wird, einfach zu klein.
Das große Problem ist bisher, dass man über die gesamte Länge der Präsentation das Gefühl hatte, das alles irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Gerade die großen Parallelen zu “Borderlands“ zwängen sich zu jeder Sekunde auf. Es fällt deshalb schwer, in Lobeshymnen zu verfallen. Daran, dass uns mit „Rage“ zumindest ein spannender sowie sehr schön anzusehender Shooter erwartet, besteht jedoch kaum ein Zweifel.