Ein verdammt schlechter Tag für Harry Mason: Dichtes Schneegestöber, Autounfall, Tochter weg und unbekannte Kleinstadt mit seltsamen Leuten, die in jeder Hinsicht befremdlich wirken. Als ob das nicht genug wäre, friert die Stadt ab und an ein und Harry wird von Monstern gejagt, die er nicht besiegen, aber abschütteln kann. Klingt verworren und schräg? Lasst uns doch einfach einmal die Gedanken ordnen...
Back to the roots
„Silent Hill: Shattered Memories“ ist der neueste Output des einst so populären Horror-Franchises. Fragt jemanden nach „Silent Hill 2“, das vor bald acht Jahren auf den Markt kam, und er wird vermutlich mit der Zunge schnalzen. Story und Auflösung waren grandios, daneben ist die außerordentlich morbide Stimmung bis heute ein Grund, das Game wieder und wieder ins Laufwerk zu packen. Fragt die Fans nach dem dritten Teil von 2003 und sie werden euch versichern, dass dieser eine gute Fortsetzung ist. Ohne Überraschungen aber gut, weil er auch inhaltlich die Brücke zum ersten „Silent Hill“ von 1999 schlägt. Und Letzteres war so ungemein anders, experimenteller als „Alone in the Dark“ oder „Resident Evil“, dass es sofort die Aufmerksamkeit vieler Spieler und Kritiker auf sich zog. Die Story selbst – je nach Ende – konnte man philosophisch auseinander pflücken oder gar nicht verstehen, die Faszination aber blieb.
Eine Faszination, die mit dem adhoc als „Silent Hill 4“ veröffentlichten „The Room“ (2004) und „Silent Hill Homecoming“ (2008, DN-Wertung: 67%) verloren ging und mehr auf Action und Splatter den Fokus legte, als auf die Markenkerne. Psychologischer Grusel beispielsweise. Kaum da die Serie von Fans und den Entwicklern zu Grabe getragen wurde, kündigte Climax ein Remake des ersten Teils an – pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum des Franchises. Und wer, wenn nicht Climax könnte den Karren aus dem Dreck ziehen? Schließlich haben die Jungs und Mädels von der Insel schon mit „Silent Hill: Origins“ bewiesen, dass ihnen Reboots liegen. Doch diesmal waren sie keinen Konventionen untergeordnet. Etwas, was „Shattered Memories“ mit zum besten „Silent Hill“ überhaupt macht.
Alles neu?
Der Hauptplot bleibt: Harry Mason, Vater von Cheryl, baut im dichten Schneegestöber mit seinem Auto einen Unfall und verliert das Bewusstsein. Kaum, da er wieder zu Sinnen gekommen ist, bemerkt er, dass seine Tochter weg ist und sich wohl in den nahe gelegenen Ort Silent Hill geflüchtet hat. Harry macht sich also auf die Suche nach ihr. Ende der Gemeinsamkeiten mit dem Original.
Zwar trefft ihr auf einige bekannte Gesichter, Polizistin Cybil Benett beispielsweise oder Dr. Kaufman, davon abgesehen entwickelt sich „Shattered Memories“ in eine gänzlich andere Richtung als das Original. Der psychologische Horror steht eindeutig im Vordergrund und so verwundert es nicht, dass der ganze Plot von einer ausufernden Therapiesitzung bei einem Psychiater zusammengehalten wird. Der bohrt tief in eurer Vergangenheit, stellt unangenehme Fragen und nötigt euch, Fragebögen zu beantworten, Bilder auszumalen oder einen Stundenplan nach euren Wünschen zusammenzustellen. Jede dieser Entscheidungen hat mittel- und unmittelbare Auswirkungen. Malt ihr euer Haus lila an und die Bewohner orange, erscheint alles so auch im Spiel. Klar, oder?
Beantwortet ihr die Fragen mal so mal so, verändern sich die Charaktere im Spiel. Cybil Benett beispielsweise kann als fürsorgliche Gesetzeshüterin auftreten oder als eiskalter Cop, den das Verschwinden eurer Tochter einen feuchten Kehricht interessiert. Das sind dann nicht nur Nuancen, sondern spielentscheidende Wendungen mit riesiger Tragweite gerade zum Schluss hin. Bis dahin werdet ihr fantastisch unterhalten, was die Geschichte selbst anbelangt. Es wird derart verworren und abgefahren, dass ihr zur Mitte nicht mehr wisst, was Realität und was Fiktion ist, wie sich Harry in der Zeit bewegt oder ob er überhaupt eine Tochter hat. Dann kommt, fast urplötzlich, der Big Bang: das Ende. Die letzten drei bis vier Minuten wird alles zusammengepuzzelt und ergibt eines der schönsten Enden, die ich je gesehen habe. Alles macht Sinn, erfüllt seinen Zweck und... überrascht. Mit seiner Drastigkeit, mit seiner Individualität, mit seinem Charme. Nach dreimaligem Durchspielen ist von der Faszination nichts verloren gegangen. Und das entschädigt für so manches Manko.
Spielmechanik reloaded

Konkret meine ich damit das „neue“ Spielgefühl, das auf Wii super herüber kommt. Auf der PSP... hat es seine Defizite, was der Konsole selber geschuldet ist. Statt die Taschenlampe selbst steuern zu können, wird sie von Harry stur geradeaus getragen. Die Interaktivität bleibt also auf der Strecke, was sich auch in den zahlreichen interaktiven Cutscenes bemerkbar macht. Statt Dinge einfach zu „greifen“, müsst ihr umständlich mit dem Analogpad und den Tasten Gegenstände auswählen, anklicken und absurdes Analogpad-Gedrehe ertragen, um Rätsel zu lösen. Dazu gehören das Aufschneiden eines Frosches, das Umdrehen von Coladosen oder Entriegeln von Türen. Klingt nicht sonderlich anspruchsvoll? Ist es nicht und soll es auch nicht sein. „Shattered Memories“ wollte nicht den Fehler machen und durch unnötige Rätselkost den Spielfluss stören. Weitaus wichtiger sind die Runaway-Passagen. Sobald wie Silent Hill vereist werdet ihr gnadenlos von Monstern gejagt. Harry ist dabei Oberpazifist und kann keine der Kreaturen wirklich besiegen, sondern sie nur zeitweise abschütteln oder durch eine Leuchtfackel zur Räson zwingen. Das Szenario wird erst beendet, wenn ihr eine sogenannte Wegmarke erreicht, die euch ein schniekes Handy auf dem GPS-System anzeigt. Das Handy – eh eine Neuerung, die einigen Komfort bietet. Ihr könnt mit anderen Nichtspieler-Charakteren reden, Infos aus der Umgebung sammeln, Dinge fotografieren (die wiederum den Abspann beeinflussen) oder speichern. Speichern? Richtig, im Gegensatz zu allen Vorgängern könnt ihr das Spiel jederzeit unterbrechen und am exakt gleichen Ort wieder aufnehmen. Negativ außerdem: Bei den Verfolgungen lädt das Spiel häufig nach, so dass es bei Raumwechseln zu kurzen Nachladezeiten kommen kann.
„Shattered Memories“ fühlt sich durch die Veränderungen ungemein anders an als die Vorgänger, macht aber nichts falsch. Veteranen werden vielleicht rumheulen deswegen, alle anderen dürften das entschlackte Gameplay begrüßen.
Technik auf Topniveau
„Shattered Memories“ wurde zuerst für Wii angekündigt und es scheint in der Tat die Hauptplattform zu sein, für die es hergerichtet wurde. Deshalb fallen die Sony-Versionen etwas ab, insbesondere was die Auflösung und Texturgröße anelangt. Die Echtzeitschatten, noch akzeptablen Texturen, die recht hohe Effektdichte und smoothen Bewegungen unterstreichen Climax` Bemühungen, eine saubere PSP-Version abzuliefern, die jedoch vereinzelt mit der Bildrate zu kämpfen hat. Und der Sound? Ist ein Geschenk vom Mastermind Akira Yamaoka, der Konami Richtung *Grasshopper ("No More Heroes", "Killer 7")* verlassen hat. Ein industriales Gedudel, das aus Fragmenten besteht, teils sehr dissonant wirkt oder mal an die Klasse des zweiten Teils anzuknüpfen versucht. Ein buntes Spektrum, das von hervorragenden Umgebungsgeräuschen und guten englischen Sprechern flankiert wird. Deutsche Stimmen gibt es nicht, sehr wohl aber Untertitel, die auch ausgeblendet werden können.
Für Fans?
Abschließend noch: Ist „Shattered Memories“ für Fans geeignet? Eine Analogie dazu: Nicht alle Star Trek-Fans mochten den letztjährigen Kinofilm, weil sie den unweigerlichen Fehler taten und den neuen Film mit alten Folgen und Leinwandstreifen gleichsetzen. Den Fehler sollte man auch bei „Silent Hill“ nicht machen. Es fühlt sich anders an. Es liefert nicht alle Erklärungen und versucht sich nicht so tiefschürfend philosophisch zu geben, nicht so viel Hokuspokus aufzubauen. Das Ende entschädigt gut und liefert plausible Antworten auf die Fragen am Anfang. Zwischendrin abgemagerte Rätselkost, keine Kämpfe, dafür aber ein sich entspinnender Plot, der beliebig aus „The Mothman Prophecies“, „The Sixth Sense“ oder „Sieben“ zitiert. Eine Chance sollte man dem Spiel auch als versteifter Silent Hill-Fan der ersten Stunde geben. Auch vor 10 Jahren machte „Silent Hill“ alles anders und war gerade deshalb so enorm populär.
Fazit
„Silent Hill: Shattered Memories“ ist eine positive Überraschung. Kein Auftragswerk, keine Zuspitzung bekannter Elemente, sondern ein Reboot erster Klasse. Was hier an Story abgefackelt wird, an psychologischen Spielereien, an grafischen Finessen und Soundfetzen sucht im Horror-Bereich zurzeit seinesgleichen. Dass die Spielmechanik umgekrempelt wurde, dass die Rätsel in den Hintergrund gerückt sind, dass der Kult im Spiel vollends verschwunden ist – nachvollziehbar. Climax bieten eine frische, unverbrauchte „Silent Hill“-Erfahrung, die auch auf PSP überzeugt, technisch aber mehr bieten könnte.