
Wie verdient man sich heutzutage in der Spielebranche eine goldene Nase? Man nehme eine Prise MMO, tausche die Elfenohren und Orkhauer gegen ein beliebtes Franchise und stelle einen 7-Sterne-Koch als Garant für fantastische Rollenspiele ein. Genau das muss sich Electronic Arts gedacht haben, als sie der erfolgreichen Spieleschmiede BioWare für “Star Wars: The Old Republic“ (kurz “TOR“) das größte Budget in der Geschichte des Publisher-Riesen zur Verfügung gestellt haben. Doch können die Schaffer von “Dragon Age“ und “Mass Effect“ den hohen Erwartungen gerecht werden? Oder wird es das gleiche Schicksal erleiden, wie viele Vertreter dieses Genres: Im Vorfeld hoch gehandelt, in der harten Realität jedoch bestenfalls zum Nischendasein verdonnert? Unser bisheriger Eindruck zeichnet dabei langsam folgendes Bild ab: Die Macht ist mit BioWare!
Ein unsicherer Frieden
Wer “Star Wars: Knights of the Old Republic“ gespielt hat und die Animationsserie “Clone Wars“ kennt, ist mit der Vorgeschichte bereits vertraut: Über dreitausend Jahre vor Darth Vader überfällt das Sith-Imperium die Galaktische Republik und startet den größten Krieg, den die Galaxis je gesehen hat. Er endet im Waffenstillstand mit dem Vertrag von Coruscant. Dreihundert Jahre sind seither vergangen und der scheinbare Frieden steht kurz vor seinem Ende. Die Spannungen verschärfen sich mehr und mehr und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der Krieg erneut ausbricht. Genau hier setzt “TOR“ an und leitet die Spieler durch den brodelnden Konflikt von Republic und Imperium, von Jedis und Siths, von Gut gegen Böse.
Genre-typisch entscheidet ihr euch zu Beginn des Spiels für eine Fraktion, Rasse und Klasse. Dabei stehen euch auf Seiten der Galaktischen Republik der Soldat, der Schmuggler, der Jedi-Ritter sowie der Jedi-Botschafter zur Verfügung. Auf Seiten des Sith-Imperiums wählt ihr zwischen dem Kopfgeldjäger, dem Sith-Krieger, dem Imperialen Agenten und dem Sith-Inquisitor. Mit jeder Klasse könnt ihr euch später für eine von zwei Spezialisierungen entscheiden. So macht ihr entweder aus eurem Jedi-Botschafter einen Jedi-Schatten, der fiesen Siths mit Doppellichtschwert und Tarnung im Nahkampf auf den Zahn fühlt oder ihr wählt stattdessen einen Jedi-Magier, der auf Telekinese, Fernkampf und Heilung setzt.
Der Weltraum...undendliche Weiten
Auch wenn die Welt von “TOR“ gewiss nicht unendlich sein wird, versprechen die bisher vierzehn bekannten Planeten ein atemberaubend großes Universum, selbst für ein MMORPG. Zwar ist noch nicht bekannt, wie groß die einzelnen Gebiete tatsächlich sein werden, jedoch sind Welten wie Alderaan und Tattooine bereits gewaltige Spielzonen. Außerdem bietet jeder Planet sowie der Weltraum an sich unendliches Potenzial für Inhalt-Updates oder Addons – ein wichtiger Faktor für jedes Online-Rollenspiels. Denn in der Regel brauchen selbst ambitionierte Spieler mehrere Wochen, um eine neue Spielwelt solchen Ausmaßes zu erkunden und abzugrasen. Aus “Dragon Age“ wissen wir bereits, das auch BioWare das Thema DLC ernst nimmt und die Kunden mit Nachschub versorgt.
Um von einem Planeten zum nächsten zu reisen, steht jedem Spieler ein eigenes Raumschiff zur Verfügung und variiert dabei von Klasse zu Klasse. Neben seiner Funktion als Transportmittel dient es euch auch als Einsatzbasis und „bester Freund“, wie BioWare es nennt. Leider dürft ihr nicht nach Herzenslaune frei umher fliegen, sondern bewegt euch über HotSpots von Ort zu Ort. In den Genuss des Fliegens dürft ihr dennoch kommen: In altbewährter “Rebel Assault“-Manier düst ihr durch gescriptete Singleplayer-Szenerien und ballert aus allen Rohren auf eure Feinde. Während Arcade-Freunde dabei vor Begeisterung entzückt im Dreieck springen, werden sich viele Weltraum-Veteranen in ihren Möglichkeiten beschränkt fühlen. Auch der mangelnde Multiplayer hinterlässt dabei einen bitteren Nach- oder besser Vorgeschmack. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden.
Story is king

BioWares stärkste Waffe ist sicher ihre Fähigkeit spannende und atmosphärische Geschichten zu erzählen. Diese Tradition wollen die Kanadier auch in “TOR“ fortsetzen: So soll jede einzelne Unterhaltung im Spiel vertont werden, was eine deutliche Bereicherung zur Konkurrenz darstellt. Im Stile von “Dragon Age“ und “Mass Effect“ nehmen die Spieler auf diese Weise eng am Geschehen teil, anstelle sich durch lange Quest-Texte zu quälen. Stattdessen stehen euch in gewohnter BioWare-Qualität mehrere Antworten zur Verfügung, die nicht nur Einfluss auf die Konversation an sich, sondern die gesamte Entwicklung des Spiels haben. Und statt damit nicht nur ein Grundprinzip aller MMOs zu sanieren, liefern sie im gleichen Atemzug noch eine Innovation: Multiplayer-Multiple-Choice. Seid ihr in der Gruppe unterwegs, dürft ihr abwechselnd eine Antwort aussuchen, abhängig vom Gesprächsverlauf. Inwieweit man dabei durch die Entscheidung seiner Mitspieler in seinem eigenen Spielverlauf beeinflusst wird, steht zurzeit noch in den Sternen.
Die Story soll so umfangreich sein, dass es länger als in jedem anderen Spiel von BioWare dauert, die Geschichte zum Abschluss zu bringen – sieht man vom Endgame einmal ab, welches in Online-Rollenspielen oft den wichtigsten Spielinhalt darstellt. Bedenkt man nun den Umfang eines “Dragon Age: Origins“, dürfte “TOR“ also beachtlich ausfallen. Bei der Wahl einer anderen Klasse soll zusätzlich ein komplett neues Spielerlebnis entstehen, in dem sich kein einziger Inhalt (!) wiederholt und selbst die Atmosphäre des Spiels variiert. Gelingt dies tatsächlich so wie behauptet, würde man acht Spiele in einem erhalten. Damit würde der Begriff “Twinken“, also einen Nebencharakter hoch spielen, einen ganz neuen Touch bekommen - und die lange Liste der Innovationen aus dem Hause BioWare könnte man um einen Strich erweitern.
Ausblick
Ich höre bereits das Summen der Lichtschwerter und die Schüsse der Blaster in meinen Ohren. Zwar fehlt mir bisher in “The Old Republic“ das gewohnte „Massiv“-Gefühl, das ich aus anderen Online-Rollenspielen gewohnt bin. Aber bis zum Release-Termin irgendwann im Jahr 2011 bleibt noch viel Zeit zum Schrauben. PvP steht dabei genauso auf der Liste der Kanadier, wie Spielervereinigungen und ein abwechslungsreiches Endgame. Das “TOR“ nicht nur Fans von Star-Wars und BioWare gefallen, sondern vor allem auch alten Online-Rollenspiel-Veteranen Spaß machen soll, ist eine Mammutaufgabe ungeahnten Ausmaßes. Das bisher Gesehene macht Mut auf mehr zu hoffen. Allein der Story-Anteil eines einzigen Helden sollte bereits Anreiz genug sein, dem Spiel eine Chance zu geben.
Die Sterne stehen jedenfalls gut für “The Old Republic“: Mit Publisher EA ist das nötige Kleingeld vorhanden, um ein vernünftiges MMORPG auf die Beine zu stellen – ein Punkt der schon manch Konkurrenzprodukt bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilt hat. In den Händen von BioWare sollte diese Investition auch optimal investiert sein. Wenn es nun auch noch gelingt, den eigentlichen Sprung vom Offline- zum Online-Rollenspiel zu schaffen, ist den “Dragon Age“-Machern ein weiteres Mal die Krone sicher. Ob sich dabei auch noch eine goldene Nase verdienen lässt, erfahren wir 2011 wenn es wieder heißt: Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis...