Unglaubliche zwölf Jahre ist es her, dass das Echtzeit-Strategiespiel „StarCraft” von Blizzard erschien und sich zu einem wahren Dauerbrenner entwickelte. Bis heute wird das Spiel nicht nur von den Entwicklern immer noch mit Patches versorgt, sondern auch mit ungebrochener Popularität auf internationalen Wettbewerben gespielt. Verantwortlich für diesen Riesenerfolg ist vor allem die perfekte Balance, die Blizzard den drei sich gegenüberstehenden Parteien – Terraner, Zerg und Protoss – auf die Schlachtfelder mitgegeben hat.
Der Nachfolger wurde schon vor einiger Zeit angekündigt, wobei die Chancen nicht schlecht stehen, dass er irgendwann Mitte 2010 auch erscheint – zumindest die erste Episode „Wings of Liberty“, deren Geschichte sich ausschließlich mit den Terranern beschäftigen wird. Blizzard hat sich nämlich dazu entschlossen, jeder Partei ein eigenes Spiel zu widmen, so dass wir uns in den nächsten Jahren über fehlenden „StarCraft“-Nachschub nicht beschweren dürften. Was uns im Singleplayer-Modus erwartet, lässt sich noch nicht beurteilen, denn die Entwickler halten sich diesbezüglich weiterhin sehr bedeckt. Dafür dürfen wir uns seit ein paar Tagen mit der Beta-Version des Mehrspieler-Modus vergnügen. Und nachdem dieser eventuell sogar eine größere Bedeutung für den nachhaltigen Erfolg von „StarCraft II“ hat, wollen wir Euch unsere ersten Eindrücke von den intergalaktischen Schlachtfeldern schildern.
Ratz-fatz – auf den Latz
Wie schon der Vorgänger oder auch die Strategiehits aus dem „WarCraft“-Universum ist „StarCraft II“ so ziemlich das Gegenteil von einem bedächtigen Echtzeit-Spiel: Wer lieber erst gemütlich eine Basis aufbauen will, um dann seine Truppen zu sammeln und sie gegen den Feind zu schicken, wird gegen einen einigermaßen geübten Spieler keine Chance haben. „StarCraft II“ setzt auf Tempo, auf ständige Nadelstiche beim Gegner und auch auf die schnelle Besetzung und Verteidigung von strategisch wichtigen Punkten, allen voran den Ressourcenlagern. Bei Letzterem hat sich gegenüber dem ersten Teil praktisch nichts verändert: Es gibt weiterhin Mineralien und Gas, die abgebaut werden müssen, bevor sie für den Bau von Gebäuden, Truppen und Verbesserungen eingesetzt werden können.
Überhaupt fühlt sich „StarCraft II“ weitgehend wie eine runderneuerte Version des Vorgängers an – für meinen Geschmack sogar ein wenig zu viel! Vergleicht man zum Beispiel die Anordnung der Kontrollmenüs am unteren Bildschirmrand, wird man nicht nur oft auf die gleichen Icons wie vor zwölf Jahren stoßen, sondern auch merken, dass die Bedienelemente fast ein Drittel der Spieldarstellung einnehmen. Da sich die Ansicht nicht wirklich weit herauszoomen lässt, leidet die Übersicht dadurch selbst auf einem 25 Zoll-Monitor erheblich. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass Blizzard bislang auf viele, längst etablierte Komfortmöglichkeiten verzichtet, beispielsweise die Möglichkeit, mehrere Bauaufträge aneinanderzureihen oder Einheiten gleichzeitig an Gebäuden arbeiten zu lassen, um die Baugeschwindigkeit zu erhöhen. Andererseits mag es durchaus sein, dass hier Balanceprobleme gesehen wurden, weswegen der Spieler bewusst am beschleunigten Vorgehen gehindert werden soll.
Ich kenn mich aus…
Der fehlende Mut von Blizzard, merklich in den Spielablauf und das Design vom ersten „StarCraft“ einzugreifen, hat aber auch nicht zu verkennbare Vorteile: „StarCraft II“ wirkt für jeden Kenner des Vorgängers vertraut – man fühlt sich sofort zu Hause und findet alles da, wo man es vom ersten Teil gewohnt war. Aufgrund dessen wirkt das Spiel schon in der Beta-Phase erstaunlich „rund“ und – eine der wichtigsten Nachrichten – wiederum sehr ausbalanciert! Das ist umso erfreulicher, da die drei Rassen wirklich grundlegend andere Vorgehensweisen erfordern: Die Terraner sind die „gewöhnlichste“ Kriegspartei, bei denen es darauf ankommt, rasch eine Basis aufzubauen und dann anhand der einzelnen Gebäude eine ausgewogene Truppe zusammenzustellen. Ihre Stärken liegen in dem guten Gleichgewicht zwischen Boden- und Lufteinheiten sowie den guten Defensivmöglichkeiten. Gerade Einsteiger dürften mit den Terranern von vornherein gut zurechtkommen.
Die roboterähnlichen Protoss haben hingegen den unschätzbaren Vorteil, dass ihre Baudrohnen lediglich den Platz für ein Gebäude bestimmen müssen, das dann einfach nach gewisser Zeit auf die Karte „gewarpt“ wird. Die Drohne muss den „Warp“ allerdings nicht abwarten, sondern ist sofort wieder für neue Bau- und Sammelaufträge verfügbar. Dafür können die Protoss ihre Gebäude nicht einfach überall auf der Karte platzieren, sondern müssen zunächst ein ganzes Netz von Knotenpunkten („Nodes“) aufbauen, in deren Umkreis wiederum neue Gebäude platziert werden können. Ihre etwas träge Fortbewegungsweise machen die Protoss durch „Warp Gates“ wett, die einen ganzen Trupp quer über das Schlachtfeld teleportieren können. Da zudem nahezu alle Protoss über zusätzliche Schildenergie verfügen, sind sie die bestgepanzerten Einheiten.
Schleimig

Die ungewöhnlichste Rasse von „StarCraft II“ sind einmal mehr die Alien-ähnlichen und äußerst schleimig in Szene gesetzten Zerg. Ihr Vorteil liegt am nicht enden wollenden Nachschub von Larven, die mittels eines Mausklicks in Arbeiter, aber auch in jede Kampfeinheit, zum Beispiel in die gerade in Massen nicht zu verachtenden Zerglinge, verwandelt werden können. Da aus einer Larve gleich zwei Zerglinge entspringen, eignen sich die wieselflinken Krabbelviecher hervorragend für die schon erwähnte Nadelstichtaktik. Dafür wird allerdings jeder Arbeiter bei jedem neuen Bauvorhaben in das jeweilige Gebäude „mutiert“, was den Verlust dieses Arbeiters zur Folge hat. Außerdem büßen die Zerg ihre hohe Bewegungsgeschwindigkeit empfindlich ein, wenn nicht zuvor die Landschaft mittels der schwebenden Overlords oder spezieller „Tumore“ mit einem grauen Matsch – dem sog. „Creep“ – überzogen wird. Schließlich sind mächtige Rüstungen nicht unbedingt die Stärke der Zerg, so dass hier nur derjenige erfolgreich sein wird, der konsequent auf Masse setzt.
Blizzard hat es neben den grundlegenden Unterschieden bei den Rassen auch geschafft, dem Spieler immer wieder taktische Entscheidungen abzuverlangen. Viele Gebäude lassen sich zum Beispiel nur einmal verbessern, obwohl mehrere Erweiterungen zur Verfügung stehen würden. Als Terraner muss man sich daher schon genau überlegen, ob die Kaserne mit einem Labor ausgestattet werden soll, das den Zugriff auf neue Truppentypen ermöglicht, oder ob doch der Reaktor gebaut wird, der es erlaubt, zwei Einheiten gleichzeitig zu rekrutieren. Ebenso obliegt es dem taktischen Geschick eines Protoss-Feldherrn, ob er zwei starke „Dark Templar“ für einen noch stärkeren „Archon“ opfert, der dann möglicherweise doch sang- und klanglos in einer Horde von Zerglingen untergeht.
Kartenvielfalt
Grafisch bleibt Blizzard beim zweiten „StarCraft“ seiner Linie treu, was weder spektakuläre Technik noch optische Feuerwerke bedeutet. Bis auf den – für meinen Geschmack – zu geringen Zoom-Faktor ist das Gebotene allerdings schön anzusehen, gerade was die Animationen der verschiedenen Truppentypen angeht. Nicht vergessen sollte man dabei, dass Blizzard wohl ganz bewusst darauf aus ist, auch die alten „StarCraft“-Fans zum Umstieg auf den Nachfolger zu bewegen, und da sind moderate Systemanforderungen ein weiteres gutes Argument.
Die bisher vorhandene Hintergrundmusik ist hingegen aus meiner Sicht überwiegend unpassend. Sie wirkt, als hätte man einen Country-Musiker mit einer Orchesterbesetzung experimentieren lassen. Das Ergebnis ist eher für die Untermalung eines Western tauglich und versprüht kaum Weltraumstimmung.
Bereits in der Beta-Version fällt die Anzahl und Qualität der Karten sehr vielversprechend aus. Dabei handelt es sich bislang zwar nur um Zwei- oder Vier-Spieler-Maps, doch sind diese gut und abwechslungsreich gestaltet und erlauben absolut ausgewogene Bedingungen für alle Parteien. Die Spielstärke der KI lässt sich hingegen bislang kaum beurteilen, da lediglich der leichteste Schwierigkeitsgrad zur Verfügung steht – und der ist wirklich so einfach, dass er sich ausschließlich für Übungsspiele eignet, um sich besser im Spiel zurechtzufinden. Wer allerdings im Kampf gegen menschliche Mitspieler bei „StarCraft II“ einen Blumentopf gewinnen möchte, sollte die ein oder andere Übungslektion nicht scheuen – ein weiteres Element, das dieses Spiel vom zwölf Jahre alten Vorgänger übernommen hat!
Ausblick: Mehr vom guten Alten
„StarCraft“ war, ist und bleibt mein absoluter Blizzard-Liebling, was am Szenario, der stimmungsvollen Umsetzung und der perfekten Balance liegt – ein Zusammenspiel, das diesen Oldie auch heute noch einzigartig macht. Insofern sollte ich mich eigentlich über das freuen, was ich bei „StarCraft II“ bislang gesehen habe, denn all das, was den ersten Teil groß gemacht hat, findet sich auch im Nachfolger wieder. Ich bin auch sehr optimistisch, dass Blizzard die drei unterschiedlichen Rassen gut ausbalanciert, womit die Grundvoraussetzung für eine weitere erfolgreiche Verwendung bei internationalen Mehrspieler-Wettbewerben erfüllt sein sollte.
Und trotzdem bin ich etwas enttäuscht, weil Blizzard aus meiner Sicht wirklich überhaupt nichts Neues gewagt hat und den zwölf Jahre alten Vorgänger lediglich aufpoliert zu haben scheint. Sicher – es gibt ein paar neue Einheiten, Gebäude und Spezialfähigkeiten! Und natürlich – das Spiel sieht schöner aus und spielt sich noch etwas rasanter als der erste Teil! Aber war das wirklich schon alles, was den Entwicklern innerhalb von mehr als einem Jahrzehnt eingefallen ist?
Fans des ersten Teils wird die „Aufpolierung“ wohl reichen, und ich setze große Hoffnung in die erzählerischen Fähigkeiten von Blizzard, was die Solo-Kampagne angeht. Dem Ruf, sich gegen Innovationen zu stellen, wird sich Blizzard mit „StarCraft II“ nach meinem bisherigen Eindruck allerdings abermals redlich verdienen.