Geliebt, verbuggt, verrissen, aber dennoch enorm erfolgreich. Wohl kaum ein Spiel der letzten Jahre löste so unterschiedliche Reaktionen aus, wie Reality Pumps “Two Worlds“. Nach Angaben des Publishers wurden bis heute über 3 Millionen Exemplare verkauft. Wird der Entwickler nun im Nachfolger alles besser machen?
Die Story
Die Geschichte spielt fünf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils. Euer Held ist ein Gefangener im Verlies seines Erzfeinds Gandohar und seine Kräfte sind nahezu erschöpft. Er ist am Ende und hat kaum noch Hoffnung seine Schwester Kyra aus den Fängen des Bösen zu befreien. Plötzlich bekommt er unerwartet Hilfe: Die Orks, eigentlich seine Feinde, befreien ihn. Warum und wieso bleibt schleierhaft. Um dieses Rätsel zu lösen muss sich unser Held mit ihnen verbünden und am Ende wieder einmal Gandohar stellen. Es beginnt eine gefährliche Reise, die ihn über das Inselreich von Antaloor führt. Denn um seinen Erzfeind ein für alle Mal zu besiegen, muss er dessen dunkle Vergangenheit aufdecken.
Nüchtern betrachtet werden die Entwickler mit diesem Plot keinen Preis für Originalität bekommen. Es klingt alles sehr nach dem üblichen Fantasy-Einheitsbrei im Stil von “Gothic“ und die ersten Schritte im Verlies erinnern stark an “Oblivion“. An der Oberfläche lässt das Spiel aber seine Muskeln spielen. Lebendige Landschaften, detailreich und mit wunderschönen Lichteffekten – in diesem Momenten braucht sich “Two Worlds 2“ vor keinem Konkurrenten zu verstecken, egal ob auf Konsole oder PC. Gleichzeitig ist für Abwechslung gesorgt, denn im Verlauf des Spiels lernt ihr stilistisch vollkommen unterschiedliche Gegenden kennen, beispielsweise arabische, asiatische oder nordische Kulturen. Selbst als wir später durch eine Höhle laufen, bleibt die hohe grafische Qualität erhalten. Warum Reality Pump dann am Anfang auf ein eher langweiliges Verlies-Szenario setzt, bleibt rätselhaft.
Umfangreich
Im weiteren Spielverlauf erwartet euch ein klassisches Action-RPG im Stil des bereits erwähnten “Gothic“, inklusive einer kräftigen Brise Open-World. Im Gegensatz zum Vorgänger sollt ihr besser durch die lineare Hauptstory geführt werden, damit ihr nicht wie zuvor ziellos durch die Gegend irrt. Allein für diese werdet ihr gut 20 Stunden über die 40 km² große Inselwelt reisen müssen. Absolviert ihr alle Nebenquests, steigt die Spieldauer angeblich auf knapp 100 Stunden. Jedes der neun Kapitel wird zudem mit einem Bosskampf gekrönt.
In den einzelnen Quests wird es vor allem darum gehen Gegner zu besiegen – reine Dialogquests gibt es kaum. Dafür haben eure Entscheidungen Einfluss auf das Spiel: So gibt es im Spiel unterschiedliche Fraktionen und wenn ihr für die eine Seite ein Attentat ausführt, werdet ihr für die andere Seite zum Feind. Daneben lockern ein paar Minispielchen das Geschehen auf. Allerdings wirkt es etwas albern, wenn ein Ritter in voller Rüstung im Stil von “Guitar Hero“ Straßenmusik macht.
Freie Charakterentwicklung
Die Charaktergenerierung ist komfortabler und variantenreicher als im Vorgänger, allerdings seid ihr auf einen männlichen Held beschränkt. Zunächst gibt es kein festes Klassensystem, d.h. ihr könnt euch erst später als Krieger, Magier, Waldläufer oder Assassine spezialisieren bzw. Mischklassen bilden. Es gibt vier Grundwerte: Stärke, Geschick, Willen und Lebenskraft. Diese könnt ihr durch ungefähr 60 Skills verfeinern. Ein Magier kann so nicht nur Feuerbälle werfen, sondern auch heilen. Ein Waldläufer stellt Fallen auf oder führt hinterhältige Attentate aus.
Interessanter, wenn auch komplizierter ist das Magiesystem, das ein bisschen an ein Sammelkartenspiel erinnert. Im Kern habt ihr zwei Karten, um die Magieart und die Magieform festlegen. Diese Zaubersprüche könnt ihr dann durch bis zu sechs Boosts verstärken – vorausgesetzt ihr habt vorher genügend Karten gefunden oder gekauft. Dieses System wirkt auf den ersten Blick wie ein ziemlich gelungener Magiebaukasten. Ob es wirklich funktioniert, wird das Balancing im finalen Spiel beweisen müssen.
Solides Kampfsystem
So aufgerüstet werden auch die Kämpfe mit der Zeit spektakulärer. Anfangs sind sie nur eine simple Klick-Orgie, aber durch mehr Skills gewinnen sie an Variantenreichtum. Eure Recken können alle möglichen Waffen und Rüstungen tragen, passend zu der jeweiligen Region. Praktisch: Im Kampf visiert ihr eure Gegner an und behaltet dadurch auch bei mehreren Feinden die Übersicht. Führt ihr eine Spezialattacke aus, wechselt die Sicht allerdings etwas unvermittelt in eine kleine Animationssequenz. Das passiert ziemlich häufig und subjektiv betrachtet unterbricht eine solche Sequenz den Spielfluss. Aber das ist Geschmackssache – offensichtlich waren wir die Einzigen, die das bemängelten.
Der Rest
Natürlich gibt es auch einen Crafting- und Alchemiebaukasten. Während ihr bei der Alchemie fleißig Kräuter sammelt und euren Tränken sogar eigene Namen geben könnt, dürft ihr beim Crafting Rüstungen und Waffen zerlegen. Anschließend kombiniert ihr die einzelnen Teile miteinander – jedoch geht dies nicht bis ins Unendliche. Ein Kritikpunkt des Vorgängers war es, dass man beispielsweise ein relativ billiges Schwert immer wieder mit sich selbst kombinierte und somit eine Superwaffe bekam. Das ist jetzt nicht mehr möglich, denn nach sechs Upgrade-Stufen ist Schluss.
Daneben erleichtern Teleportersteine den Weg durch Antaloor und ihr dürft gar segeln sowie Pferde nutzen. Allerdings verzichtet Reality Pump auf die realistische, wie gleichwohl komplizierte Reitsteuerung aus dem ersten Teil. Stattdessen wird sich solch ein Pferd vergleichbar wie bei „Red Dead Redemption“ lenken lassen – simpel, aber eingängig.
Eine nette Idee: Mit dem so genannten „Okulus“ könnt ihr kurzzeitig euren Körper verlassen und Feinde ausspähen. Das wirkt zwar zunächst wie ein Cheat-Modus, aber im fertigen Spiel könnte das etwas Taktik in die Kämpfe einbringen.
Technisch spektakulär
Man kann es nicht genug sagen: Grafisch spielt “Two Worlds 2“ in der Oberliga. Basierend auf der hauseigenen GRACE-Engine haben die Entwickler Antaloor wunderschön zum Leben erweckt. Klar, in den Innenräumen wird alles etwas unspektakulärer, aber diese sind immer noch abwechslungsreicher gestaltet als im Vorgänger. In der freien Natur herrscht dagegen Idylle pur: dynamische Lichteffekte, wogende Gräser und ein hoher Detailreichtum in den einzelnen Regionen werden selbst die größten Kritiker besänftigen. Besonders der PC lässt dabei seine Muskeln spielen und verweist die Konsolen auf die hinteren Plätze, was vor allem an der höheren Auflösung liegt. Ein technisches Desaster wie damals bei der 360-Version des ersten Teils sollte es nicht geben: Hier hat Reality Pump deutlich aus den Fehlern gelernt.
Auch das noch…
…Multiplayer. Dort habt ihr freie Auswahl bei der Charakterentwicklung, egal ob Mensch, Ork, männlich oder weiblich und könnt bis zu fünf Charaktere hochskillen. Das Spiel bietet drei Multiplayer-Varianten: „Arena“ ist ein typischer Deathmatch-Modus, „Adventure“ schickt euch zusammen mit ein paar Kumpels auf spezielle Koop-Missionen und „Village“ macht euch zum Städtebauer. Diese letzte Variante ist ganz anders als die vorherigen und erinnert eher an ein Strategiespiel wie „Anno“ oder „Siedler“, da ihr hier kleine Städte mit einem eigenen Wirtschaftssystem aufbaut.
Reality Pump kehrt damit ein wenig zu ihren RTS-Wurzeln zurück, dank der sie früher die erfolgreiche “Earth“-Serie entwickelten. Allerdings ist noch nicht klar, ob es diese Variante in das endgültige Spiel schafft. Unser Tipp: Lieber ausbauen und verfeinern, als voreilig zusammenschustern. Letzteres hat dieser Spielmodus nicht verdient.
Ausblick
“Two Worlds 2“ ist ein einziges großes Versprechen, dass viele Fragen offen lässt: Wird die Story so packend erzählt, wie man es verspricht? Oder droht ein unfertiges Crafting- oder Magiesystem die Spielbalance vollkommen aus dem Gleichgewicht zu bringen? Reality Pump hat sich jedenfalls ziemlich vorgenommen. Wenn es aber klappt, dann könnte der „Risen“-Effekt greifen: Ähnlich wie es Piranha Bytes gelang, die geplagten “Gothic 3“-Käufer zu versöhnen, könnte Reality Pumps zweiter Versuch die Fehler des ersten Teils vergessen lassen. Zumindest dürfte es nicht so ein Bug-Desaster werden wie der erste Teil. Die Version, die wir gesehen haben, war von Mitte Juli und lief schon sehr reibungslos. “Two Worlds 2“ besitzt jedenfalls alle Zutaten für einen großen Rollenspiel-Hit. Im September wissen wir mehr...