„Uchronical“
Blühende Landschaften. Und ein Panzer.
Wargame – European Escalation spielt in der Zeit des Kalten Krieges. Geschichtsbegeisterte wissen, dass 1948/49 und 1958-1963 mit den beiden Berlinkrisen die Welt knapp am nuklearen Abgrund und einer aufreibenden Militärkonfrontation entlang schrammte. Nur durch besonnenes Handeln der beiden beteiligten Supermächte USA und Sowjetunion wurde die Situation entschärft, fortan verband das berühmte rote Telefon beide Regierungschefs der Blöcke miteinander. Weniger bekannt: 1983 zog das westliche Militärbündnis NATO die volle Aufmerksamkeit mit einer militärisch außerordentlich groß angelegten Übung auf sich, die einherging mit geglückten Fluchtversuchen von DDR-Bürgern, welche auf dem Weg in die Freiheit an der innerdeutschen Grenze NVA-Soldaten abknallten. In der Realität wurde auch hier schnell wieder auf Eiszeit heruntergekühlt, in Wargame jedoch schaukelt sich das Manöver zu einem paneuropäischen Konflikt auf, den ihr auf der Seite der NATO für euch entscheiden müsst. Und njet, die alten Kommunisten dürft ihr nicht aufs Schlachtfeld führen.
Customized army
Detaillierte Szenarien.
Wie schon bei den beiden Vorgängern von Eugen Systems gibt es keinen traditionellen Basenbau, sondern eine bestimmte Anzahl von Punkten, die ihr vor jedem Einsatz in eure kleine Armee investieren dürft. Und so bastelt ihr euch aus allerlei Infanterie, Panzern, Transportern, Fluggerät und sonstigem Kriegsspielzeug ein schlagkräftiges Bataillon. Dieses auf die Karte gesetzt, müsst ihr genauso agieren wie auch echte Befehlshaber. Statt die Einheiten sinnlos an die Front zu schmeißen, solltet ihr Höhenunterschiede, Tarnungen, Gebäude und Einheitenfähigkeiten ausnutzen. Ein Jeep hat denkbar schlechte Chancen gegen den Superpanzer T-72, andersrum kann aber auch ein Leopard nichts gegen eine Armada von T-34 ausrichten. Und wer die Panzer nur frontal angreifen lässt, hat eventuell das Nachsehen, weil eigene Munition nicht durch die Panzerung schlägt. Und ist der Vorrat an Ballerhülsen aufgebraucht, muss erst mühsam Nachschub an die Front gekarrt werden. Solange sind eure Tanks praktisch machtlos. Ergo: Kluge Taktikmanöver sind plumpen Massenschlachten vorzuziehen. Wie schon in R.U.S.E. solltet ihr versuchen, den Gegner von euren eigentlichen Zügen abzulenken und so in sein eigenes Verderben zu stürzen, ohne eure halbe Armee zu gefährden. Das hat auch einen weiteren Vorteil: Kampferprobte Einheiten gewinnen an Erfahrung und werden dadurch immer schlagkräftiger – diese solltet ihr in der nächsten Mission einsetzen.
Übersicht par excellence
Die Schlachten wirken sehr authentisch.
Ein weiteres schönes Feature aus R.U.S.E. hat es in Wargame geschafft: Die stufenlose Zoomfunktion. Zieht ihr die Kamera aus dem Geschehen heraus und überblickt das komplette Schlachtfeld, sieht das Dargestellte wie ein Lagetisch einer typischen Generalität aus. Auf diesem verschiebt ihr in Echtzeit Einheitensymbole und plant eure Manöver. Übersicht ist gegeben, die „Action“ aber reichlich langweilig und wenig ansprechend. Grafisch hübscher, aber für große Planungen eher ungeeignet, ist die Nahansicht der Einheiten. Dann dürft ihr eure Mannen zentimetergenau in der Landschaft platzieren und euch durch die frei dreh- und schwenkbare Kamera in deren Sicht hineinversetzen. Letztlich ist eine Kombination aus beiden Betrachtungen wohl die sinnvollste Option, um die Fortune auf seine Seite zu ziehen.
Rechenknechte mit mittelmäßigen Komponenten sollten ohne Probleme in der Lage sein, die Grafik auch mit hohen Qualitätseinstellungen ruckelfrei darzustellen. An der R.U.S.E.-Engine hat sich kaum etwas geändert, einige ärgerliche Clippingfehler wurden ausgemerzt und die Menüs aufgeräumter gestaltet. Schlecht ist das nicht, denn nach wie vor sind Umgebungen und Einheiten dermaßen detailliert, dass sie im Genre quasi ohne Konkurrenz sind.
In der Präsentation und beim Anspielen fielen uns daneben die exzellenten KI-Routinen auf. Statt dass der Gegner wie blöde nur eine Linie durchzieht und damit wohl scheitert, reagiert die CPU auf jeden eurer Züge individuell. So brachen plötzlich Truppentransporter durchs Dickicht, als unser Panzerverband aus einem Wald heraus versuchte ein paar wenige Tanks aufs Korn zu nehmen. Die beladenen Transporter hatten Pioniere an Bord, die unsere schöne Panzerflotte ohne weiteres auseinandergenommen hätten, hätten wir sie nicht zurückgeschlagen. Im gleichen Moment zogen sich jedoch die feindlichen Tanks aus unserem Sichtbereich zurück. Pech. Vermutlich hätten wir uns das Leben etwas leichter gemacht, wären unsere Truppen mit Flammenwerferpanzern rumgekurvt, die dann Felder und Wald per Brandrodung dem Erdboden gleichmachen.
Solisten sollen mit einer umfangreichen Kampagne beschäftigt werden, die insgesamt über 50 Spielstunden verspricht. Jede Mission kann mit verschiedenen Ausgängen absolviert werden, das immer wieder neue Zusammenwürfeln der eigenen Streitkräfte sorgt für Abwechslung. Seid ihr der Einzelspieleroptionen überdrüssig, spielt ihr online weiter. Das System – Punkte für Einheiten, kein Basisbau – bleibt bestehen. Änderungen gibt es in der Art und Weise, wie ihr euch neue Punkte zum Rüstungskauf verdient. Wo ihr in der Kampagne bestimmte vorgegebene Ziele erreichen müsst, um belohnt zu werden, werden euch im Mehrspielermodus Punkte durch das Erobern von Flächen gutgeschrieben. Je schwerer eine Fläche zu halten ist, desto mehr Zähler erhaltet ihr alle zehn Sekunden. Ist die gegnerische Streitkraft ausgeschaltet, habt ihr gewonnen.
Ausblick
Wargame – European Escalation ist in der hier gezeigten Fassung schon ein exzellentes Strategiespiel. Die Franzosen von Eugen Systems haben es verstanden, die wenigen Fehler des Vorgängers R.U.S.E. auszumerzen und Stärken wie die tolle KI, gute Grafiken und taktische Möglichkeiten mehr in den Vordergrund zu stellen. Leider konnten wir noch nicht viel über die Geschichte in Erfahrung bringen. Natürlich der Aufhänger ist grandios, aber ob es zu einem ähnlichen Psychoduell zwischen zwei Generälen kommt wie in R.U.S.E.? Darauf wollen wir hoffen, denn die Einzelspielerkampagne, die ihr nur auf Seiten der NATO absolvieren könnt, sollte das ansonsten glasklare Gut-Böse-Schema aufbrechen und den Krieg als ein sehr fragwürdiges Instrument der Machtsicherung präsentieren. Obwohl es nur zwei Fraktionen gibt (NATO, Sowjetunion), versprechen die detailgetreuen Einheiten aller vertretenen Länder (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, USA, Russland, Polen, China, Tschechoslowakei) ein spannendes Spiel.