Ubisofts Liebe für den L(a)unch
In London lebt es sich nicht mehr wirklich angenehm
Aus Frankreich kommen nicht nur Baguettes und Weine, sondern auch richtig gute Spiele. Assassin's Creed, Splinter Cell, bald Watch Dogs - Ubisoft ist zu einem der Big Player im Games-Business avanciert. Die Bemühung, immer als Erste auf einer neuen Plattform zuhause sein zu müssen, waren auf Nintendo-Heimkonsolen selten von Erfolg gekrönt. Schön, die Raving Rabbids begeisterten uns anno 2006 stärker für die Wii, als es Wii Sports vermochte, doch die andere Marke zur Fuchtelveröffentlichung, Far Cry Vengeance, wurde zum Bit gewordenen Witz. Die Grafik von vorgestern, die Steuerung zum Davonrennen – kein Wunder, handelte es sich doch um die PlayStation 2-Fassung, die aus Qualitätsgründen eingestampft wurde. Nun also ZombiU, das zwölf Monate zuvor noch als Killer Freaks from Outer Space in den Medien kursierte. Aus Rabbids-ähnlichen Außerirdischen wurden Zombies, aus der anonymen Großstadt die Metropole London. Ob das gut gehen kann? Definitiv.
“Jigsaw?“
Ob hier noch Hautpflege-Produkte helfen?
ZombiU profitiert von einer nicht allzu tiefgründigen Story. Dazu später mehr, warum dies so ist. London versinkt in der Zombieapokalypse – zwischen Buckingham Palace und Trafalger Square, House of Parliaments und London Eye herrschen die Untoten. Inmitten brennender Ruinen, einst so stolzer Straßenzüge und Prachtmeilen kämpfen die wenigen Nichtinfizierten um das nackte Überleben, einen davon steuert ihr. Fast von der Untoten-Mete erwischt, lotst euch eine mysteriöse Stimme in die Ubahnstation und hilft euch, Unterschlupf im „Safehouse“ zu finden, einer Kommandozentrale, die an bestes Saw-Geschlachte erinnert. Zwischen Zeitungen, kaputten Toiletten und Kisten findet ihr Schutz und nehmt mit dem Unbekannten Kontakt auf – oder umgekehrt. Nicht sonderlich freundlich vertraut euch die Stimme ein paar simple Regeln an. 1.) Nutze das Licht nur, wenn du dir sicher bist, dass kein Untoter in deiner Nähe ist! Wenn doch: Licht aus, Beine in die Hand! 2.) Nutze die staatliche Überwachung CCTV – leider müssen die Kameras erst einmal angeschaltet werden. Sind sie in Betrieb, wisst ihr, was sich in der Stadt tut und könnt ausrücken, um Vorräte zu hamstern, an denen es immer mangelt. 3.) Überlebe, verdammt nochmal! Meide den Kampf, gehe kein Risiko ein!
Etwas zu vorsichtig, der Gute? Keineswegs. Kaum habt ihr das Safehouse verlassen, seht ihr euch den ersten Zombies gegenüber, kämpft um euer Überleben, sprintet durch dunkle Flure, um euch in der nächsten brenzligen Situation wiederzufinden. Mal latschen die Untoten offensichtlich durch die Szenerie, mal „erwachen“ sie aus ihrer Totenstarre, mal kämpfen sie 1 gegen 1, mal stürmen sie im Rudel auf euch zu. Nicht nur die urplötzlich ausgebrochene Seuche ist merkwürdig – überall haben Fremde, die „Raben von Dee“, ihre Zeichen hinterlassen, Nachschub platziert und weitere Safehouses eingerichtet. Wussten sie, was kommen würde? Und die Stimme, die euch zuflüstert, weiß etwas zu gut über die Apokalypse bescheid... Bis ihr die Plage lüftet, dauert es einige Stunden. Bis zu 13 Spielstunden müsst ihr im normalen Modus einkalkulieren, um den erlösenden Abspann betrachten zu können. Sterbt ihr, werdet ihr in eine neue Rolle hineintransferiert und lauft sogar eurem Alter Ego über den Weg, dem ihr die zuvor eingesammelte Ausrüstung abluxen könnt, Tötung vorausgesetzt. Sonderlich komplizierte Charaktere oder wendungsreiche Plots würden jegliche Logik der Geschichte zerstören, weshalb die Suche nach der Ursache der Seuche plausibel und ausreichend ist. Tricky: Spielt ihr ZombiU im Überlebensmodus, bedeutet schon ein Ableben das sichere und endgültige Game Over.
Dark Souls aus Ego-Perspektive
ZombiU ist nicht nur "Shooter"
Der Tod gehört in ZombiU im selben Maße zum Konzept wie in Dark Souls. Einmal nicht aufgepasst und ihr seid infiziert oder zumindest in die Ecke gedrängt. Dumm gelaufen. Lernt ihr die Szenarien auswendig und findet Schleichwege, erhöht das eure Überlebenschancen drastisch. Der Umgang mit dem unkaputtbaren Cricketschläger und (an Munition stets armen) Schießprügeln ist schnell verinnerlicht und gibt euch die Chance, euch eurer Haut zu erwehren. Gimmicks wie Leuchtfackeln lenken das Gammelfleisch in eine beliebige Richtung, eine Landmine oder Molotov-Cocktail knipsen die untoten Lebenslichter schneller aus, als der Zombie stöhnen kann. Das ist eher die Ausnahme, in der Regel prügelt ihr die einzelnen Hirnbestandteile aus dem Kopf, bis ihr den Zombie mit kraftraubendem Finisher endgültig seines Hauptes entledigt.
Der Hinweis auf die Freigabe „ab 18“ sei angemerkt, denn so explizit wie hier ist die Gewaltdarstellung nicht einmal in Dead Space, das Innereien vermied. Gore? Unpassend? Nein, hinter der grausamen Fassade ZombiUs steckt ein clever durchdachtes Spiel. Die anfänglich schlauchartig wirkenden Level entpuppen sich als intelligent ineinander verschachtelte offene Schlachtfelder des Grauens, die einzelnen Gebiete sind durch eine Vielzahl von alternativen Routen miteinander verbunden, die ihr freisprengt oder wieder verbarrikadiert. Obwohl die Erkundungen weit hinter dem vielschichtigen Leveldesigns eines Metroid zurückbleiben, wird euer Entdeckertrieb in besonderem Maße gefordert. Bald schon offenbaren sich dann auch die wenigen Schwächen im Ablauf: Zombies sind von Natur aus sehr stupide, dass sie aber nicht einmal zulangen können, wenn ihr euch vor ihnen auf eine Kiste stellt, ist unwahrscheinlich. Zombies widersetzen sich auch der Biologie, indem sie auf Erden wandeln – ebenso scheinen sie Freigeister der Physik zu sein, die sich die Treppen hochprügeln lassen oder durch geschlossene Türen kriechen. Solche Faux-pas sind selten, fallen aber umso mehr auf als dass der Rest stimmig und perfekt inszeniert ist.
Maue Grafik?
Der GamePad kommt oft zum Einsatz
Als Maßstab neuere PC-Spiele wie Battlefield 3 herangezogen, kann die Grafik von ZombiU rein technisch gesehen nicht mithalten. Einige Texturen sind zu matschig, die Zombies sparen nicht nur an aktivem Resthirn, sondern auch Polygone. In den helleren Bereichen sind die Defizite sehr auffällig, dann überkommt euch das Gefühl, wieder ein unfertiges Produkt in den Händen zu halten. Aber: Sobald das Spiel dunkel ist, die Taschenlampe und einige wenige andere Lichtquellen die Szenerie nur sporadisch erhellen, wirkt ZombiU reizvoll wie kaum ein anderer Starttitel. Stichwort „Atmosphäre“ - hier passt einfach alles zusammen, wirkt in sich geschlossen und glaubwürdig.
Die Soundkulisse mit orchestralem Score und von der Umgebung abhängigen Geräuschen steuert ihren bedeutenden Beitrag bei, die deutschen Sprecher verrichten einen mehr als nur soliden Job. Negativpunkte? Vielleicht in der Steuerung zu suchen. ZombieU wird mit dem GamePad gespielt und nutzt den Touchscreen für die Verwaltung des Inventars, Durchwühlen von Schränken und interaktive Umgebungskarte. Der Blickwechsel vom TV auf den kleinen Bildschirm und zurück mag zunächst ungewohnt – vielleicht gar störend – sein, ZombiU ist aber daraus zugeschnitten. Während ihr das Inventar neu anordnet und euch ausrüstet, läuft das Hauptspiel weiter, und so kommt es nicht selten vor, dass euch ein Untoter direkt vor der Nase steht und das Maul zum Fressen aufreißt. Der Pro Controller wird nur im Mehrspielermodus verwendet, der kaum eine Erwähnung verdient. Als weiteres Gimmick ist eine AR-Applikation dabei, die euch euer Konterfei als Zombievisage zeigt. Das hätte sich Ubisoft sparen können, vermissen würden wir es nämlich nicht.