Manchmal tu ich, was ich tun will. Ansonsten tu ich, was ich tun muß.

Special: In 20 Jahren wird alles besser - Politik und Spiele

23.11.2004 – Redakteur: Alex


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Markus Beckedahl ist 27 Jahre alt, Mitbegründer(NRW) und Koordinator für Medienpolitik der Grünen Jugend und überraschenderweise ein versierter Computerspieler. Ist er nun Sinnbild für die heranwachsende Politikergeneration Deutschlands oder die hoffnungslose Ausnahme? Wir sprachen mit ihm über Ego-Shooter, Günther Beckstein und den Generationenkonflikt.

Alex Pöschl: Hallo Hr. Beckedahl! Vielen Dank, dass Sie uns trotz drückendem Zeitmangel für ein Interview zur Verfügung stehen. Ihnen sind Forderungen nach „Herstellungsverboten“ oder modifizierte Regularien für die Prüfung von Computer- und Videospielen bekannt. Insbesondere der bayerische Innenminister Beckstein (CSU) und sein brandenburgischer Amtskollege Jörg Schönbohm (CDU) machten mit ihren pauschalen Äußerungen gegen Computerspiele auf sich aufmerksam. Und das, wo doch erst im April 2003 der neue Jugendmedienschutz verabschiedet wurde. Was ist davon zu halten?

Markus Beckedahl: Das sind typische Überreaktionen ohne jede rationale Basis. In populistischer Art und Weise soll verdeutlicht werden: „Ich bin der schärfste Hund!“. Das spiegelt ein Verhalten wider, das bei Innenpolitikern leider relativ häufig zu beobachten ist.

Alex Pöschl: Nun scheinen sich Beckstein und Co. doch in keiner Weise mit Computerspielen auszukennen, im Gegenteil: Sie schauen sich einige Szenen aus dem berüchtigten Frontal 21-Beitrag an und urteilen übereilt und vorschnell. Für derartige Politprominenz doch kein hinnehmbares Verhalten?

Markus Beckedahl: Ja, sie waren ja nicht einmal konsequent in ihren Forderungen. Warum will Beckstein keine Schützenverein verbieten? Meiner Ansicht nach stellen Esport-Clans eine moderne, digitale Art von Schützenverein mit eigenen sozialen Formen dar. Aber gerade die Unionspolitiker sehen natürlich im Schützenverein eine Tradition der Konservativen, also darf das nicht angegriffen werden. Allerdings sind Computerspiele ebenfalls NICHT bösartig.

Alex Pöschl: Die angesprochenen Forderungen kommen in Zeiten auf, in denen sich immer weniger Jugendliche für Politik interessieren und sich fragen, ob sich das mangelnde Verständnis der Politiker für ihr Hobby irgendwann ändert. Wie stehen hier die Zukunftschancen? Auch in Bezug auf die Nachwuchsorganisationen der Parteien.

Markus Beckedahl: Genau das ist der berühmte Generationenkonflikt. Beckstein und Co. gehören ja zur Elterngeneration, wenn nicht sogar schon zur Großelterngeneration. Als solche haben sie überhaupt kein Verständnis für die neuartigen Interessen der Jugend. Das ist aber ein parteienübergreifendes Problem.
Markus BeckedahlDie „alten“ Politiker sind doch schon stolz, wenn ihre Sekretärin eine E-Mail schreiben kann, ergo haben sie mit Computerspielen rein garnichts am Hut. Also muss die heranrückende Generation der Politiker das Problem lösen ODER die aktuelle Jugend muss lautstark auf sich und ihre Interessen aufmerksam machen. Aber ich kann versichern: Ich bin genauso mit Wolfenstein großgeworden und spiele ebenfalls gerne „Die Siedler“, ich denke also, es wird einen neuen Umgang mit Spielern und der Spielebranche geben, wenn die heranwachsende Politikergeneration einmal das Sagen hat. Die werden dann auch rationaler an die Sache herangehen als es ein Schönbohm z.B. tut.

Alex Pöschl: Wie kann es eigentlich sein, dass eine Regierung, die ständig nach innovativen Unternehmen schreit, derart wenig mit der Spielebranche am Hut hat? Oder diese sogar noch durch unhaltbare Aussagen diffamiert? Immerhin zählen die deutschen Spielefirmen durchaus zum innovativen Kreis der Wirtschaft.

Markus Beckedahl: Sicherlich, das passt nicht zusammen. Hier spielen wieder die Ängste der „Alten“ mit, dass sich die Kinder nach dem Computerspielen in Psychopathen verwandeln. Irrational zwar, aber leider ist das heute noch so. Dabei MUSS die deutsche Spielebranche gefördert werden, damit vielleicht endlich mal das erreicht wird, was in Südkorea schon Standard ist: Gesellschaftlich akzeptierte E-Sportler und eine kulturell angesehene Spielebranche.
Insofern finde ich den Vorschlag des G.A.M.E.-Verbandes sehr löblich, eine Sonderabgabe für Computer- und Videospiele einzuführen, die dann der dt. Branche zu Gute kommt. Denn dieser Weg sollte vom Staat geebnet werden, dann ist eine kulturelle Anerkennung möglich.

Alex Pöschl: Warum sind eigentlich immer die Unterhaltungsmedien an der Gewalt schuld? Filme, Spiele..

Markus Beckedahl: *lacht* ... und natürlich Marilyn Manson! Die Leute wollen und brauchen einfach einen Sündenbock, egal ob das Rockstars sind oder Videospiele oder meinetwegen auch Filme. Offenbar ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit dieser komplexen Welt nicht möglich, anstattdessen werden immer wieder die eindimensionalen Lösungen geboten. Computerspiele sind eben ein leichter zu vermittelnder Grund.

Alex Pöschl: Aber warum werden Computerspiele in Ländern wie Frankreich akzeptiert und gefördert, während sie hier in Deutschland verteufelt werden? Vor kurzem hat der französische Präsident Jaques Chirac ein UbiSoft-Studio in China besucht. Bundeskanzler Schröder hat das Wort „Videospiel“ offenbar nichtmal in seinem Wortschatz...

Markus Beckedahl: Ja, Frankreich wird in diesem Zusammenhang stets erwähnt. Dort herrschen ganz andere Zustände in Sache Kulturförderung. In Deutschland gilt zum Beispiel nur die Oper oder das Theater als Kultur, die gefördert werden müsse. Das entspricht nun mal dem alten Denken der Macht.

Alex Pöschl: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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