16.10.2006 – Redakteur: Andy
Vor zwei Jahren hatten wir den großen Showdown der Ego-Shooter Legenden ´Doom´ gegen ´Half- Life´, diesmal sind epische 3D-Rollenspielwelten an der Reihe: Nachdem Bethesda Softworks mit ´Oblivion´ die Meßlatte extrem Nahe an die ´Game of the Year´-Höhe gesteckt hat, erhielt Piranha Bytes den Vorteil, nachlegen zu können. ´Gothic 3´ ist die Fortsetzung zweier überraschend genialer RPGs aus deutschen Landen und soll mit neuer Engine sowie riesiger Spielwelt den Amerikanern das Fürchten lehren. Das Ergebnis erinnert phasenweise leider an ein unrühmliches Bug-Fiasko namens ´Ultima 9´, zudem der vergleichsweise schwere Einstieg die Mängel anfangs um ein Vielfaches dramatisiert.
Schon von Minute eins an habt ihr das Gefühl, das ´Gothic 3´ etwas vorschnell auf den Markt geschmissen wurde. Ein schickes, kurzes Render-Intro erklärt Nichtkennern der Vorgänger eigentlich überhaupt nicht, was hier los ist. Stattdessen werden sie mitten in ein Gefecht voller Menschen und Orks geworfen, erst danach klären sich wenigstens ein paar Fragen, sobald ihr mit den Weggefährten des Hauptcharakters redet (welche sich kurz danach auch schon von ihm trennen). Demnach befindet ihr euch auf einem neuen Kontinent, auf dem die Orks das Sagen haben: Rebellen versuchen die versklavten Menschen zu befreien, ihr selber habt die Wahl, auf welche (oder besser FÜR welche) Seite ihr euch schlagen möchtet. Mit der Zeit erforscht ihr zwei weitere Landstriche, namentlich eine Sandwüste und ein Eisgebirge. Auch dort stehen mehrere Gruppierungen im Zwist gegeneinander, wie z.B. Asassine und Nomaden, deren Sympathie-Vorzüge sich der Spieler selber aussuchen darf.
Viermal so groß sei die Welt im Vergleich zum Vorgänger, was ich persönlich nicht überprüfen kann: So großen Respekt ich vor der Serie auch habe, der Einstieg fiel mir immer sehr schwer und die Zeit war stets knapp, als dass ich richtig in die Saga hineintauchen konnte. Dabei wurde die Steuerung stets als größtes Manko angesehen, welche beispielsweise das Austauschen von Gegenständen im Inventar und in einer Kiste unnötig erschwerte. Dies hat sich nun etwas gebessert, weil ihr endlich einen Mauszeiger auf dem Bildschirm seht, mit dem ihr genre-üblich ein Objekt von einem Platz zum anderen zieht. Ein weiteres Problem war das Echtzeit-Kampfsystem, welches blockig und störrisch wirkte. Hier haben die Entwickler versucht, mehr Komplexität einzubauen: Ihr könnt nun direkt parieren, schnell zurück stechen oder mit Rundumschlägen herumwirbeln. Leider resultiert daraus immer noch kein gutes Kampfgefühl, erneut plagt euch ein mangelhaftes Reaktionsvermögen bei erfolgreichen Treffern des Gegners. Dieses kleine Manko wird durch die unfertige Technik, die ´Gothic 3´ an den Tage legt, leider verstärkt.
Zugegeben: Mein PC gehört sicherlich nicht mehr zur Top-Klasse, speziell die Radeon X800 Pro wirkt im Vergleich zu modernen Rechnern eher kümmerlich. Doch bislang funktionierte jedes von mir getestete Spiel einwandfrei, selbst die grafische Granate ´Oblivion´ lief in ordentlich stabilen Frame-Raten. ´Gothic 3´ hingegen ruckelt phasenweise wie ein mittelschweres Erdbeben, ohne dabei an die grafischen Qualitäten des Konkurrenten heranzukommen. Das Problem ist auch weniger die Performance an sich, bedingt durch Grafikkarte und Prozessor, als die schier unglaubliche Menge an Daten, jene im Sekundentakt von Festplatte zu RAM und umgedreht geschaufelt wird. Sobald ihr in neue Regionen vorstoßt, ein neuer Feind auftaucht oder auch nur das Inventar aufploppt, stockt das gesamte System gerne mal so stark, als ob es gleich einem Infarkt erliegen würde.
Als unverbesserlicher ´Ultima´-Fan ist mir dieses Phänomen mehr als bekannt, litt doch die gesamte Serie an dieser technischen Unzulänglichkeit. Doch das ist leider noch nicht alles: Bis ich das Spiel überhaupt vernünftig zum Laufen gebracht hatte, vergingen gut ein bis zwei Stunden. Zunächst flimmerten schwarze Quader anstatt echter Personen über den Bildschirm, danach mussten ein paar Technikschmankerl abgeschaltet werden, damit wenigstens die 3D-Performance stimmte. Innerhalb der ersten fünf Spielstunden wurde ich Zeuge dreier Abstürze (und dabei habe ich nicht mal etwas extraprovokantes ausprobiert, sondern bin ´nur´ durch die Gegend gelaufen oder habe das Optionsmenü aufgerufen), einmal bekam ich keinen Level gutgeschrieben (obwohl ich schon gut anderthalb mal so viel Erfahrungspunkte hatte, wie notwendig) und stellenweise hatte ich das Gefühl, dass eingesammelte Gegenstände nicht im Inventar landeten oder das der Held seine Ausrüstung auszog. Anschließend an diesen fünf Stunden wurde es mit der Festplattenratterei immer schlimmer, d.h. minimal alle zehn Sekunden wurde das Bild neu aufgebaut (!!!) und nur ein Neustart sorgte für Abhilfe. Daraufhin habe ich die Hälfte der Grafik-Einstellungen abgestellt, damit ich mir endlich mal das Spieldesign anschauen konnte. Wohlgemerkt: Festplattenruckler gab es immer noch, obwohl ´Gothic 3´ nun vielleicht wenig besser als sein drei Jahre alter Vorgänger aussah...
Durch die Zuckelei verkamen die Kämpfe zur Geduldsprobe: Ob ich oder der Gegner gewann, schien beinahe zufallsabhängig. Genau genommen hing es davon ab, wer von uns beiden den ersten Treffer landete. Als ich sicherlich zum hundersten Mal den Löffel abgegeben hatte, reichte es mir: Ab ins Optionsmenü und den Schwierigkeitsgrad auf ´Easy´ gestellt. Und siehe da: PLÖTLZICH machte Gothic 3 Spaß... und zwar gleich verdammt viel auf einmal.
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