16.06.2008 – Redakteur: Andy
Vor zehn Jahren wartete ich sehnsüchtig auf „Metal Gear Solid“. Ich war so scharf auf dieses Spiel, dass ihr mir ungeduldig die Japan-Version besorgte und trotz Sprachbarriere durchspielte. Zwar verstand ich von der Story rein gar nichts, aber das war mir auch nicht so wichtig. Meine Vorfreude auf „Metal Gear Solid“ bezog sich auf das geniale Spielkonzept, welches die Schleich-Mechanik der MSX-Vorgänger in eine dafür perfekt geeignete 3D-Grafik packte. Ich sollte nicht enttäuscht werden: Technisch brillant, musikalisch absolut elitär, eine innovative Steuerung und ein dramatisch abwechslungsreiches Level-Design kompensierten schnell den einzigen Nachteil, nämlich die vergleichsweise kurze Spieldauer. Damals ahnte ich nicht, dass die eigentliche Brillanz, die wahre Größe und der schiere Wahnsinn in der Story steckte. Einen Monat später erschien die US-Version und „Metal Gear Solid“ schoss allein dank einer der intensivsten Cliffhanger der Spiele-Geschichte in meiner internen Datenbank auf 94%.
Drei Jahre später folgte dann die Ernüchterung: „Metal Gear Solid 2“ war ein großartiges Spiel, vermittelte aber nicht die gleiche Faszination wie der erste Teil. Die Steuerung wirkte unnötig verkompliziert, die Musik war stellenweise viel zu übermütig und die Story? Raiden und Rose! Vamp!! Liquids Arm!!! La-li-lu-le-lo!!!!! Nein, das war mir einfach zu abgedreht, zu überzogen, zu unglaubwürdig. Natürlich gleicht die Welt von „Metal Gear Solid“ nie und nimmer der Realität, aber im zweiten Teil hatte es Hideo Kojima, der Regisseur, Produzent und Story-Schreiber der Serie, für meine Begriffe übertrieben.
Vor drei Jahren sorgte „Metal Gear Solid 3“ wieder für mehr Aufsehen, eigentlich sogar ganz überraschend: Anstatt Solid Snakes Abenteuer fortzusetzen, fing das Spiel bei Null an und erzählte den Werdegang von Big Boss (an all jene, die mit diesen Namen nichts anfangen können: spielt die Vorgänger, es in ein, zwei Zeilen zu erklären ist unmöglich). Die Story machte mehr als Laune, die musikalische Ausarbeitung begeisterte wieder richtig und das Konzept wurde um solch geniale Elemente wie das Futtern von Schlangen oder die unterschiedlichen Camouflagen bereichert. Leider störte die dezent überbeladene Steuerung und so schön diese Prequel - Geschichte auch geschrieben war: Man wollte eigentlich wissen, wie es mit Snake & Co. weiter geht. Vor allen Dingen: Kann Hideo Kojima all diese Merkwürdigkeiten des zweiten Teiles, die wenig Anklang fanden, irgendwie in ein rechtes Licht rücken?
Eines könnt ihr vergessen: Dass ich irgendein Detail der „Metal Gear Solid 4“-Story verrate, mal von der augenscheinlichen Tatsache abgesehen, dass der alte Solid Snake wirklich richtig alt geworden ist. Zum einen wäre dies aufgrund der epischen Ausmaße der Geschichte nur schwer möglich, ohne dabei in seitenweise Labereien zu verfallen. Zum anderen will ich niemanden den Spaß verderben. Konami wusste ganz genau, weshalb sie der Presse im Vorfeld einen Maulkorb verpasst hat. Bei meinem Ersteindruck, den ich für DemoNews geschrieben hatte, war ich unglücklicherweise kurz vor jenem Punkt angelangt, wo es richtig interessant wurde. Überraschend un-überraschend? Von wegen: Was Hideo Kojima und seine Mannen hier abliefern, ist der sprichwörtliche Hammer.
Stellt euch aber gleich auf halb- bis ganzstündige Zwischensequenzen ein. Was bei anderen Spielen tödlich wäre, klappt irgendwie nur bei „Metal Gear Solid“ (und vielleicht noch beim ehrwürdigen „Xenogears“, ich möchte aber nicht abschweifen). 95% aller Dialoge und Monologe sind packend und enorm interessant geschrieben. Im Gegensatz zu den seltsamen „La-li-lu-le-lo“-Auswüchsen in „Metal Gear Solid 2“ wirkt hier so gut wie nichts beschämend. Einzige Ausnahme: Die Beziehung zwischen... halt, nein, stop, aufhören... ich darf es nicht sagen. Gut, lasst es mich umschreiben: Im Laufe der Geschichte entwickelt sich ein ganz bestimmtes Verhältnis zweier Personen. Am Anfang ist dieses noch o.k., aber gegen Ende hin wird es eher peinlich und dies nicht zuletzt aufgrund der anscheinend überfordernden Synchronsprecher, welche wohl Probleme beim Imitieren tränenreicher Emotionen hatten. Von dieser Sache abgesehen und der Tatsache, dass wenn Charaktere sterben (ja, es werden welche sterben... ich verrate aber nicht, welche), dies sich ewig hinzieht, ist die Story alles andere als enttäuschend. Auch der skurrile Humor und die Einbindung eurer Realität in die Fiktion ist erneut eine Klasse für sich. Was mich aber am allermeisten freut: Alle Ungereimtheiten, die mich beim zweiten Teil gestört haben, werden hier entweder selbstironisch ins Lächerliche gezogen, in einer anderen, viel besseren Form verpackt oder im Rahmen der Glaubwürdigkeit viel sinnvoller erklärt.
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