15.05.2009 – Redakteur: Robin
Ihr seid ein osteuropäischer Huskeytrainer, der sich während eines Hunderennens irgendwo im Nordpol verfährt und sich auf einen im Eis stecken gebliebenen, atombetriebenen Eisbrecher verirrt. Bevor ihr euch selbst die Frage stellen könnt, wieso dieses Schiff nun eigentlich als „Eisbrecher“ bezeichnet wird, reist ihr auch schon quer durch die Vergangenheit, schlüpft in die Körper toter Menschen, werdet ein Eisbär, lasst euch währenddessen von einer netten Tante eine schöne Geschichte erzählen und kämpft am Ende gegen die Zeit selbst! So oder so ähnlich lässt sich Cryostasis, der neueste Streich des ukrainischen Entwicklers Action-Forms, welcher seinen Einstand vor einigen Jahren mit dem miesen Vivisector ziemlich versemmelte, beschreiben. Klingt verwirrend? Ihr habt ja keine Ahnung…
Na gut, ein Huskeytrainer seid ihr wohl nicht und ein Hunderennen wird sicher auch kaum der Grund gewesen sein, warum ihr alleine durch den Nordpol gallopiert. Eine bessere Auskunft darüber, wer ihr seid und was ihr tut, wird euch das Spiel allerdings auch nicht bieten. Alles, was ihr über den Protagonisten erfahrt, ist der osteuropäisch klingende Name ganz zu Beginn des Spiels und den werdet ihr entweder sofort oder in der Sekunde, in der die Untertitel verschwunden sind, wieder vergessen haben. Ist aber halb so wild, um euch geht es hier sowieso nicht. Worum es geht, kann ich dagegen aber auch nicht so genau sagen. Nachdem ihr euch im Laufe des kurzen Tutorials erstmal auf das Schiff begeben habt, werdet ihr recht schnell die Möglichkeit erhalten, in die Körper bereits verstorbener Menschen zu schlüpfen, in deren Vergangenheit zu reisen und ihren Tod zu verhindern, gegen scheinbar untote Matrosen zu kämpfen oder vor immer wieder auftauchenden und bei Berührung tödlichen Halluzinationen eines Menschen in Kapuze wegzurennen. Wieso dies alles gescheht, darauf erhaltet ihr keine Antwort.
Völlig ungerührt erklärt euch das Tutorial nach wenigen Minuten, dass ihr nun in diese Leiche zu schlüpfen und die Person zu retten habt, Nachfrage unerwünscht. Aber gut, bin ich halt ein zeitreisender, Zombies/Mutanten/Wahnsinnige anlockender, halluzinierender Huskeytrainer aus Osteuropa. Wir sind hier, um die Welt, pardon; den Eisbrecher, zu retten, wen kümmert dann so ein Mädchenkram?!
Apropos: Im Laufe des Spiels stoßt ihr immer wieder auf braune, vergilbte Blätter, die ihr aufheben müsst, um euer Abenteuer fortführen zu können. Tut ihr dies, erscheinen auf diesen Blättern verschiedene Zeichnungen und eine (großartig synchronisierte!) ältere Dame erzählt euch eine Geschichte über ein altes Waldvolk, das von einem verfeindeten Stamm aus seiner Heimat vertrieben wurde und um sein Überleben kämpfen muss. Diese Story ist dabei eine tolle sowie metaphorische Parabel zu den tatsächlichen Geschehnissen auf dem Schiff. Denn genauso wie die Besatzung der North Wind, so der Name des Eisbrechers, mit der Zeit immer wütender und skeptischer gegenüber dem Kapitän wurde, so feindet sich der Stamm immer mehr mit ihrem von ihnen selbst auserkorenen Anführer an. Das funktioniert sehr gut und hilft, hier und da die verworrene Geschichte etwas näher zu erläutern. Diese bekommt ihr nämlich ausschließlich in, nicht chronologisch angeordneten, Rückblenden erzählt.
Leider ist das eigentliche Spiel sehr viel weniger alternativ und erfrischend, als es die Story und das Szenario sind. Aus der Ego-Perspektive durchstreift ihr das Schiff, seid hauptsächlich damit beschäftigt, entweder zu einfache oder zu frustrierende (etwa, wenn eine zu öffnende Luke sich so gut wie nicht vom eigentlichen Untergrund abhebt) Schalterrätsel zu lösen, Feinde zu bekämpfen oder in den Körper bereits verstorbener Besatzungsmitglieder zu wechseln, um deren eigenen Tod zu verhindern. Vor allen Dingen letztgenanntes Element hört sich leider sehr viel spannender an, als es in Wahrheit ist. Im Grunde läuft es fast immer darauf hinaus, dass ihr zur richtigen Zeit oder schnell genug einen Knopf drücken, einen Fluchtweg finden oder eine Tür öffnen müsst. Also im Grunde genau das, was ihr sowieso die ganze Zeit tut.
Nur selten werden die leider viel zu schnell zur Routine werdenden Zeitreisen wirklich beeindruckend. Dies ist der Fall, wenn ihr etwa als Taucher durch einen bereits gefluteten Teil des Schiffes schwimmt, direkt über dem Atomreaktor eure Arbeiten verrichten müsst oder als Eisbär(!) vor zwei Crewmitgliedern flüchten sollt. Hier wird ein gigantisches Maß an Potential verschenkt, weshalb es diesen Einschüben nur bedingt gelingt, etwas Abwechslung in das ansonsten recht eintönige Spielgeschehen zu bringen. Während ihr euch das erste Drittel des mit bis zu zwölf Stunden Spielzeit noch recht langen Titels hauptsächlich im Nahkampf verteidigt, findet ihr schon bald eure erste Waffe. Ist die Munition dafür zu Beginn noch recht rar, werdet ihr schon bald so übersättigt davon sein, dass ihr während der zweiten Spielhälfte eure Nahkampfwaffen absolut nicht mehr benötigt. Ob das Fluch oder Segen ist, lässt sich nur schwer sagen.
Das Kampfsystem ist dabei nämlich sehr, sehr simpel geblieben. Mit der linken Maustaste schlagt und mit der rechten blockt ihr. Zudem könnt ihr durch Drücken zweier Bewegungstasten (etwa „W“ und „A“) während des Schlagens eine sehr viel effektivere Kombo vom Stapel lassen. Springt euch ein Feind von vorne in den Weg, reicht es allerdings völlig, auf ihn zuzusprinten, auf die linke Maustaste zu hämmern und währenddessen nach vorne links zu laufen. Dadurch kommen die Kombos zu Stande, Blocken ist so gut wie nie nötig. Der Matrose liegt so innerhalb weniger Sekunden und ohne größere Anstrengung im Dreck. Würde er zumindest, wenn er nicht sofort nach seinem Ableben sofort wieder verschwände, das Spiel bleibt komplett blut- und splatterfrei.
Nicht viel besser läuft es mit den Fernwaffen. Hier sind keine High-Tech-Geräte zu erwarten, stattdessen muss man sich mit Klassikern der Marke Thompson oder Karabiner anfreunden. Hier kommt jedoch ein Problem zum Tragen, das sich durch das gesamte Spiel zieht: Ihr seid unglaublich langsam. Man könnte manchmal glauben, man würde einen einbeinigen Rainer Calmund mit dreifachem Bandscheibenvorfall und Wokpfanne am Hintern durch das ewige Eis steuern, so lahmarschig reagiert das Spiel auf eure Befehle. Eure Laufgeschwindigkeit ist sowieso jenseits von Gut und Böse, Sprinten ist dank des knappen Ausdauerbalkens nur für wenige Sekunden möglich. Doch wirklich deutlich wird dieses Problem wirklich erst beim Bedienen der Waffen, da das Spiel durch die langsame Laufgeschwindigkeit zumindest noch eine tolle und bedrohliche Atmosphäre aufbaut. Noch nie wirkte Kälte so plastisch und fühlbar, wie in diesem Titel.
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