09.07.2009 – Redakteur: Andy
Seite: 1 | Fazit
Es ist da und wir haben auch nur neun Jahre darauf gewartet: Ein neues “Monkey Island“-Adventure. Telltale nimmt das Erbe von LucasArts an und ist damit genau der richtige Verein, schließlich hat der Trick bereits bei “Sam & Max“ funktioniert. Hier wie dort bedient man sich am Episodenformat: Im Laufe der folgenden Monate erscheinen fünf kleine Adventures unter der Überschrift “Tales of Monkey Island“. Zu kaufen gibt es den Kram vorerst nur Online sowie als Gesamtpaket, wahlweise über Steam oder direkt bei Telltale. Wer eine Kreditkarte besitzt, der nutze bitte Letzteres: Dank des günstigen Dollarkurses kommt ihr dort billiger weg und erhaltet gegen entsprechende Portogebühren gar am Ende eine DVD mit allen Episoden für euren Sammlerschrank.
Was ist nun unter „klein“ zu verstehen? “Launch of the Screaming Narwhal“ dürfte euch um die vier bis fünf Stunden beschäftigen, abhängig von eurem Können als Rätsel-Knacker. Damit bewegt sich die Episode auf “Sam & Max“-Niveau und sollten die Designer diese Pace halten, dann wäre “Tales of Monkey Island“ am Ende bei satten 20 Stunden angelangt. Der Storyansatz ist jedenfalls fantastisch und sowohl für Neulinge als auch für Kenner der Serie geeignet. Die Geschichte setzt mitten in einem Kampf zwischen Guybrush Threepwood, dem Helden, und LeChuck, dem untoten Bösewicht, an. Guybrush und seine geliebte Frau Elaine stehen kurz vor der endgültigen Vernichtung von LeChuck, doch bei der Ausführung des Plans geht etwas schief. Plötzlich ist LeChuck nicht mehr untot, sondern quicklebendig. Im Gegenzug verwandelt sich Guybrushs Hand giftgrün und scheint fortan einen eigenen bösen Willen zu besitzen. Eine Explosion macht das Chaos perfekt und wirft den Helden alleine auf eine Insel mit dem Namen Flotsam. Eure Aufgabe ist es, diese Insel zu verlassen, was aufgrund der heftigen Winde, die das Ablegen eines Schiffes praktisch unmöglich machen, kein leichtes Unterfangen ist.
Während die Geschichte wirklich sehr gut gefällt und allein dank Guybrushs bösem Händchen ein paar tolle Slapstick-Szenen parat hält, müsst ihr euch an zwei Dinge zwangsweise gewöhnen. Zum einen leidet die Grafik unter detailarmen Texturen. Selbst im Vergleich zu den “Sam & Max“-Episoden werdet ihr das Gefühl nicht los, dass Telltale hier einen Rückschritt gemacht hat. Zum anderen haben die Entwickler eine neue Steuerungstechnik entwickelt, die sich mit ziemlicher Sicherheit niemals durchsetzen wird, weil bislang jeder “Tales of Monkey Island“-Spieler, den ich kenne, darüber mosert. Ihr könnt zwar nach wie vor auf Objekte oder Personen klicken, woraufhin Guybrush automatisch dorthin läuft bzw. mit diesem/dieser interagiert. Allerdings funktioniert die Point´n´Click-Mechanik ansonsten nicht mehr. Wenn ihr also von einem Punkt zum anderen laufen wollt, dann müsst ihr euch mit einer der beiden folgenden Steuerungsalternativen vertraut machen. Mit der ersten bedient ihr Guybrush per Cursor-Tasten. Dies erinnert schwer an “Escape from Monkey Island“, jedoch lenkt ihr euren Helden diesmal direkt in die Richtung, die ihr seht, anstatt ihn wie damals per „Links/Rechts“-Taste zu drehen bzw. per „Oben“-Taste zum Marschieren zu bewegen - was bedeutend angenehmer ist.
Es ist offensichtlich, dass euch Telltale zu dieser Steuerungstechnik verführen möchte, denn die andere Alternative ist sichtlich ein Kompromiss für jene, die bei einem Adventure auf gar keinen Fall eine Hand an die Tastatur legen wollen. Schiebt den Cursor neben Guybrush, haltet die linke Maustaste gedrückt und bewegt euren Nager in eine beliebige Richtung. Daraufhin erscheint ein Kreis um Threepwoods Körper sowie ein roter Pfeil. Je nachdem, in welche Richtung ihr die Maus bewegt habt bzw. weiterhin bewegen werdet, dreht sich der Pfeil in die entsprechende Richtung. Guybrush wiederum geht genau dorthin, wohin der Pfeil zeigt. So krude sich diese Technik anhört, so suboptimal spielt sie sich auch. Es ist wirklich seltsam, warum Telltale die aus “Sam & Max“ und “Strong Bad“-erprobte Benutzerführung dermaßen umgekrempelt hat. Das einzige Argument, welches mir für diesen Schritt einfällt, sind die teilweise deutlich anders programmierten Kameraeinstellungen, welche einerseits die Kulisse besser zur Geltung bringen, andererseits jedoch kaum mehr den Boden zeigen, auf dem ihr lauft, und somit keine gescheite Anklickfläche bieten. Eventuell gab es zu viele Probleme, die Klickerei auf eurem 2D-Bildschirm mit der 3D-Kulisse des Spieles zu vereinbaren.
Da ist noch einen anderen Punkt, der mir an der Steuerung nicht gefällt: Die Bedienung des Inventars ist mir eine Spur zu fummelig. Um zwei Objekte miteinander zu kombinieren, müsst ihr diese in zwei dafür vorgesehene Slots setzen und einen Knopf, der sich dazwischen befindet, drücken. Warum darf ich nicht einfach die beiden Objekte hintereinander anklicken, so wie es viele andere Adventure-Spiele vormachen? Wenn ich mehr als zwei Dinge kombinieren könnte, so würde diese Steuerungstechnik noch Sinn machen. Aber so ist sie unnötigerweise umständlich. Eine andere Kleinigkeit, die mich stört: Wenn ich ein Objekt aus dem Inventar herausnehme und mit einem Gegenstand in der Szenerie benutze, dann wird das Objekt automatisch wieder zurückgelegt, egal ob die Aktion funktioniert hat oder nicht. Dies könnte sich als Pferdefuß entwickeln, wenn ich im Try & Error-Verfahren mehrere Kombinationen durchprobieren möchte. Fairerweise sei gesagt, dass ich dazu in “Launch of the Screaming Narwhal“ nicht einmal genötigt wurde, was für das Puzzledesign spricht.
Allgemein sind die Rätsel nahezu ohne jeden Makel, weshalb ich mich sogar durch einen Labyrinth-artigen Dschungel jagen lasse, ohne mich dabei zu langweilen. Nahezu jede Kopfnuss habe ich mit meinem gesunden Menschenverstand lösen können. Nur selten bin ich auf das Rätsels Lösung gestoßen, in dem ich blind etwas ausprobiert habe. Natürlich gibt es auch ein paar abstruse Stellen, die jedoch so trivial implementiert sind, dass selbst Anfänger darauf kommen sollten (z.B. das Abfeuern der Kanonen auf einem Schiff). Wenn gemotzt werden darf, dann eher aus einem anderen Grund: Der Schwierigkeitsgrad wird kaum einen Profi fordern, jedoch sollte man nicht vergessen, dass dies erst die erste “Tales of Monkey Island“-Episode ist und vergleichbar mit den “Sam & Max“-Seasons der Knobelfaktor in den späteren Teilen sicherlich noch ansteigen dürfte.
Selbst der Grafik kann ich etwas abgewinnen, trotz der Textur-Flaute. Mir gefällt einfach der Comic-Stil, speziell Gubyrush besitzt Charme. Dies liegt ganz stark an den tollen Animationen, die mit der gesamten Adventure-Konkurrenz den Boden aufwischen. Erinnert ihr euch noch an meine Hasstiraden bezüglich der Kopfwackelei in “Ankh 3“? Liebe Deck 13-Designer: Ihr habt es wirklich drauf und könnt tolle Adventures programmieren. Aber bezüglich der Dialog-Animationen solltet ihr unbedingt bei Telltale lernen. Hier bewegen sich die Köpfe und Gesichter auch alle paar Sekunden, jedoch auf eine viel natürlichere Weise. Da wird die Stirn gerunzelt, ängstlich geschaut, gedroht oder enthusiastisch gelabert, dass es eine wahre Freude ist. Ähnlich gelungen ist Michael Lands Soundtrack, der einzig aufgrund der immer stärker werdenden Windverhältnisse auf Flotsam Island ein wenig von der lauten Tonkulisse niedergedrückt wird.
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