24.11.2009 – Redakteur: Andy
“Assassin´s Creed“ ist für mich das “Und täglich grüßt das Murmeltier“ der Videospiele: jede Mission das Gleiche. Damals schrieb ich zum Abschluss: „Ich bin jedenfalls mehr als gespannt, wie sich diese neue Serie weiterentwickelt. Dann wird sich zeigen, ob die enorm starre Auftragstruktur ein Ausnahmefall ist bzw. nur aufgrund des Zeitdrucks entstand oder ob Ubisoft dies als Stilmittel über alle weiteren ´Assassin´s Creed´-Titel zieht. Falls Letzteres der Fall sein sollte, erwartet nicht, dass ich ein großer Fan der Serie werde.“ Zudem kritisierte ich gezielt die Spielregie und damit Patrice Désilets Arbeit, dass er einen Sack voller toller Elemente in eine denkbar ungünstige Mischung packte. Der gleiche Mann hat mich 2003 mit einem der besten Franchise-Reboots aller Zeiten (“Prince of Persia - Sands of Time“) schwer begeistert. Sprich: Er kann „es“ eigentlich.
Ezio lebt unbeschwert und wohl behütet im Florenz des 15. Jahrhunderts. Seit seiner Geburt ist er ein Kämpfer und Rebell, klettert gerne mit seinem Bruder über Häuserdächer, erledigt Kurierdienste im Auftrage seines Vaters und verführt des Abends die hübschesten Frauen der Stadt. Doch urplötzlich ist es vorbei mit dem Luxus: Sein Vater sowie seine Brüder landen im Gefängnis und werden Tags darauf ohne fairen Prozess gehängt. Irgendjemand hat Ezios Familie verraten und wollte alle männlichen Mitglieder tot sehen. Dass Ezio dem Massaker entkommen ist, hat er nur seinem Glück zu verdanken: Er war schlicht nicht daheim, als sein Vater und seine Brüder verhaftet wurden. Dies soll sich als schwerwiegendes Problem für die Verrätermaschine herausstellen, denn Ezio schwört Rache. Er nimmt sein Unglück als Anlass dafür, sich der Assassinenkunst zu verschreiben.
Bereits diese Handlung ist besser als jene des Vorgängers - dramatisch viel besser. Das beschriebene Unglück wird euch nicht als schnödes Intro vorgekaut, es entwickelt sich vielmehr im ersten Spielkapitel. Das Schicksal von Ezio geht euch an die Nieren, weshalb ihr den Plot viel aufmerksamer verfolgt als die 08/15-Attentatshistorie des Herren Altair, der zentralen Figur des Vorgängers. Eine Kleinigkeit hat mich gestört: Bei der Hinrichtungsszene fühlte ich zwar Mitleid für Ezio und seinen Vater, aber dass da am Rand der jüngere, maximal zehn Jahre (!) alte Bruder gleich mit am Galgen baumeln würde, ließ mich völlig kalt. Ich meine: Hallo? Da wird ein Kind hingerichtet! Und in der Szene passiert das irgendwie beiläufig, weil es niemand beim Namen nennt. Auch später nicht, wenn die Schwester vom Unglück erfährt und die Mutter aus Schock keinen Ton mehr herausbringt.
Davon abgesehen entwickelt sich die Geschichte glaubwürdig und ohne peinliche Klischeeanleihen. Sämtliche Figuren sind hervorragend ausgearbeitet, glaubwürdig und charismatisch, egal ob in „guter“ oder „böser“ Hinsicht. Der junge Leonardo da Vinci gefällt mir am besten, weil seine kindliche Euphorie, wenn er gerade an einem Plan für eine neue Waffe sitzt, hervorragend rüberkommt. Leonardo da Vinci? Plan? Waffe? Gleich, später, habt Geduld. Zunächst noch ein paar Worte über Desmond Miles, dem Nachfahren von Ezio. Streng genommen übernehmt ihr wieder seine Rolle, wie er im Jahre 2020 mithilfe einer Animus-Maschine die Erinnerungen und den Werdegang seines Vorfahren rekonstruiert. In “Assassin´s Creed“, als Desmond das Leben von Altair erlebte, war seine Rolle relativ groß, was viele Spieler störte. Entsprechend ist sein Part im Nachfolger bedeutend kleiner, um nicht zu sagen: zu klein.
Jeder Moment, in dem ihr direkt Desmond spielt oder seine Gedanken hört, erscheint überaus wichtig, weil das halt so selten vorkommt. Das Finale ist eine echte Überraschung und in meinen Augen eine fantastische Idee, zudem ich mir bereits jetzt ein paar Antworten zu einigen offen gehaltenen Fragen vorstellen kann beziehungsweise auf deren Realisierung im dritten Teil inständig hoffe. Nur eine Sache hat mich massiv gestört: Die Szenen während des Abspanns wirken sehr hastig zusammengestückelt und der Dialog am Ende aus dem Off ist völlig unnötig. Da werden nachträglich Dinge ausdiskutiert, was in der Form und an dieser Stelle keinen Sinn ergibt. Wieso haben sich die Entwickler dieses Gespräch nicht für “Assassin´s Creed 3“ aufgespart? Hatte man Angst, die Spieler aufgrund ihrer potenziellen Cliffhanger-Phobie zu vergraulen? Dient es als Ersatz für die typischen Diskussionen nach einem gemeinsamen Kinoabend, wo alles in die gerade erlebte Handlung hineininterpretiert wird? Künstlerisch gesehen ist es jedenfalls in meinen Augen ein Fehler.
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