10.03.2010 – Redakteur: Andy
Seite: 1 | Fazit
“Drakensang“ ist für mich kein Herzensspiel, aber eines vor das ich sehr viel Respekt habe. Normalerweise kriege ich Hautausschlag, sobald ich Rollenspiel-Fachjargon wie „1W+6“ lese. Doch Radon Labs hat diesen Anspruch, den die Pen & Paper-Fans von einer “Das schwarze Auge“-Adapation erwarten und erhoffen, hervorragend in ein zugängliches Computerspiel verpackt. Mit der Qualität kam der Erfolg und mit dem Erfolg ist die Fortsetzung nicht weit weg. “Am Fluss der Zeit“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Abfallprodukt des Originales, wenn man es gehässig formulieren möchte. Das Spielsystem hat sich kaum geändert, die audiovisuellen Korrekturen sind marginal oder überfällig und die Handlung geht nicht mehr über ein knapp gehaltenes Prequel hinaus.
Ich sag es offen heraus: Die ersten Stunden waren für mich eine Qual. Nicht nur, dass ich mit Fortsetzungen von der Stange so meine Probleme habe - viel wirkt einfach eine Ecke schlechter als knapp zwei Jahre zuvor. Oder treffender gesagt „älter“: Während mich beim Vorgänger die Spielwelt in Punkto Ausstattung und Art Direction gefiel, lässt mich die des Nachfolgers völlig kalt. Die Städte, die Dungeons, die die Inneneinrichtung der Häuser, die Wiesen und die Wälder: All das ist kompetent modelliert und arrangiert, nur strahlt es plötzlich ein „Altbacken“-Feeling aus. Wirklich positiv ist die nun durchgängige Sprachausgabe (vom stummen Hauptcharakter abgesehen), jedoch gehört diese heutzutage zum Pflichtprogramm, weshalb ich sie nicht über alle Grenzen hinaus loben möchte. Die Musik hat wenig an Reiz verloren und passt zum typischen Dynamedion-Portfolio: Aufwändig produziert, aber nicht eine erinnerungswürdige oder herausragende Melodie. Technisch ist ebenso der Wurm drin: Die Hauptstadt Nadoret ist schön groß, das mit Abstand detailliertest modellierte Szenario und Opfer eines starken Ruckel-Schluckaufs, sofern eure PC-Hardware nicht dem neuesten Stand der Technik entspricht.
Konzept und Steuerung sind praktisch identisch, zumindest sind mir keine revolutionären Unterschiede aufgefallen. Erneut liegt der Fokus auf klassische Rollenspiel-Kost, die einerseits aufgrund vieler Gegner, Waffen, Objekte und Quests fordert und andererseits vom Schwierigkeitsgrad her sowohl für Einsteiger geeignet ist, der entsprechenden Einstelloption sei Dank. Die Handhabung des Inventars ist nach wie vor zu fummelig und allgemein leidet das Spiel unter einer latenten Unübersichtlichkeit, was die vielen Menüs anbelangt. Aber davon abgesehen sind Handhabung und Spielbarkeit gut. Mit der Pause-Funktion analysiert ihr die brenzlige Situationen in aller Ruhe und das Speichersystem erlaubt sogar das Absichern mitten während eines Kampfes. Die langen Laufwege wurden dank Knotenpunkte inklusive Schnellreise-Funktion entschärft und über die meiste Zeit könnt ihr zu jedem bereits besuchten Ort zurückreisen, um euch um unerledigte Nebenquests zu kümmern. Doch irgendwie ist dies mehr Fehlerbereinigung des Vorgängers anstatt eine echte Offenbarung: Wem “Drakensang“ zu dröge oder zu anspruchsvoll war, der wird bestimmt kein Fan von “Am Fluss der Zeit“.
Wo steckt also die relativ lange Entwicklungszeit? Zu meiner Überraschung im Spieldesign - und damit meine ich nicht die Story, die wieder mal kein Rad neu erfindet und sich dafür auf die Ausarbeitung lustiger, stereotypischer sowie charmanter Charaktere konzentriert. Nein, ich rede hier von den Quests, deren Vielfältigkeit und vor allem Vielschichtigkeit. Natürlich haben Rollenspiel-Veteranen in ihrem kurzen Leben Dutzend ähnliche Botengänge, Attentatsaufträge oder Prüfungen bestanden, wie das was “Am Fluss der Zeit“ von euch abverlangt. Aber es ist selten, dass eure Entscheidungen all dies in dem Maße beeinflussen. Bereits die Wahl eurer Rasse und Klasse führt euch zu einem von vier möglichen Ausbildung-Tutorials, anstatt zu einem universellen. Viele Quests lassen sich auf unterschiedliche Arten lösen und resultieren in spürbaren Veränderungen der Spielwelt. Es können sogar halbwegs wichtige Nebencharaktere sterben, was nicht nur die Geschichte sondern auch das Design tangiert. Einer der Höhepunkte erlebt ihr recht früh (Warnung, Spoiler-Gefahr): Ihr begebt euch mit zwei frisch kennen gelernten Mitstreitern auf eine Mission und müsst euch auf halben Wege von ihnen trennen. Kurz darauf erfahrt ihr, dass sich beide in Gefahr befinden. Allerdings habt ihr nur die Zeit, einen von ihnen zu retten. Dieser Charakter wird im daraufhin fester Bestandteil eurer Rollenspielparty sein, während der andere ein jähes Ende findet.
Eure Party umfasst maximal vier Mitglieder, jedoch gibt es fünf potenzielle Kandidaten und somit eine Fingermeldung mehr als Platz vorhanden ist. Erneut verändern sich eure Möglichkeiten, eine Quest zu absolvieren, in Abhängigkeit davon, für welche Begleitung ihr euch entschieden habt. Darunter fallen sowohl Lösungsoptionen, die beispielsweise ohne den Charme des Diebes oder der forschen Art des Zwerges nicht möglich wären, als auch Einschränkungen, weil z.B. einer eurer Leute unerwartet wie voreilig agiert. Ich wage es kaum auszusprechen, aber in gewisser Hinsicht schlägt “Am Fluss der Zeit“ den großen Konkurrenten “Mass Effect 2“. Dort gibt es zwar auch viele unterschiedliche Handlungsabläufe, die sich gar dank Speicherstandübernahme über die gesamte Serie ziehen. Jedoch ändert sich relativ wenig am eigentlichen Spieldesign, sprich welche Orte ihr besucht, welche Quests ihr löst und welche Optionen euch hierfür zur Verfügung stehen. “Am Fluss der Zeit“ ist somit eines der eindrucksvollsten, nicht-linearen Spiele, die euch gleichzeitig einen roten Faden vorgaukeln.
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